1/14/2016

Love, Courtney by Nasty Gal.

Love, Courtney by Nasty Gal


Natürlich sieht das Model zu gut aus. Natürlich ist das nicht Grunge. Natürlich bin ich zu alt dafür. Denn natürlich kommt das alles 15 Jahre zu spät. Aber hier ist sie: Love, Courtney by Nasty Gal. Die erste Modekollektion von und mit Courtney Love.

Nachdem gefühlt bereits fünf Kollektionen von Saint Laurent ihren Style kopiert haben - herauskamen Kleider, die für um die 5.000€ verkauft wurden - ist es mehr als überfällig, dass sie nun endlich den Credit für ihren Einfluss auf die Modewelt bekommt. Anläufe gab es in der Vergangenheit einige, allerdings sind diese immer wieder gescheitert. Wie so oft wahrscheinlich wirklich an Courtney Love als Person, mit der man eben nur äußerst schwierig zusammenarbeiten kann.

Etwa 2008-2009 hatte sie modisch ihre sogenannte "Kook"-Phase, die ich sehr spannend fand. Es war der Versuch Mode der 20er-Jahre mit Punk zu kombinieren. Das heißt geschredderte Flapperdresses mit ganz viel Samt und Spitze, dazu jede Menge Accessoires: Ketten, Armbänder, Kopfschmuck. Die Frisur war allerdings keine stundenlang gelegte Wasserwelle und das Make-up bestand nicht aus dünnen Augenbrauen und akkurat gezogenen, kleinen Lippen. Zum Kook-Outfit gehörten Courtney-typische Locken aus dem Mülleimer und eine Gesichtsbemalung die einfach nur an Make up-Bukkake erinnert. Die volle Baby Jane-Montur und ja, ich fand das sehr reizvoll, weil es so speziell und unzeitgemäß war.

Die meisten der Kleider kamen damals von dem Etsy-Shop "Boudoir Queen" und eigentlich sollte damals schon eine Zusammenarbeit folgen, aber irgendwas ging schief, gipfelte in Streit und in sehr bösen Tweets von Courtney, für die sie später von der Designerin verklagt wurde.

Scheinbar immer noch besessen von der Idee dieser Mode, entwickelte Courtney eigene Designs weiter und ließ 2012 verlauten, dass diese unter dem Namen "Never the Bride" auf den Markt kommen würden. Es gab schöne Promofotos, einen eigenen Twitter-Account für die Marke und sie konnte sich nicht zurückhalten zu behaupten, dass die Stücke über Net-A-Porter.com (ein weltweit bekannter Onlineshop für Luxusmode) vertrieben würden. Dort wusste man allerdings nichts davon und so blieb es auch dieses Mal bei der Wunschvorstellung und dem feuchten Traum ihrer Fans.

All das unterstreicht auf eine gewisse Art nur was für eine besondere Frau Sophia Amoruso - Chefin und Gründerin des Onlineshops Nasty Gal - sein muss. Sie hat es nicht nur geschafft Courtney eine Kollektion abzuringen, die kommerziell tatsächlich erfolgreich sein kann, sondern auch die launische Diva bis zum Ende der Unternehmung bei der Stange zu halten. Courtney hat nichts vorher ausgeplappert, niemand wurde beschimpft, aktuell laufen keine Gerichtsverfahren zu dem Thema, Courtney postet brav die Promo bei Instagram und Facebook und erscheint sogar zur Release-Party.

Man kann jetzt mutmaßen, wie Amoruso das geschafft hat, aber mit dieser Zusammenarbeit hat sie endgültig bewiesen, dass sie zurecht aktuell eine der gefeiertsten Gründerinnen in den USA ist. Wenn man sich die Kollektion und die bisherigen Reaktionen auf Instagram und in der Modepresse anschaut, ist klar, dass sich das Durchhalten gelohnt hat und diese Kleider ein Erfolg werden.

Amoruso kennt ihr Klientel genau und weiß, was bei ihrer Zielgruppe ankommt. Sie hat Courtneys ikonischste Kleidungsstücke genommen, sie vom Schnitt an die heutige Zeit angepasst und Materialien gewählt, die die Sachen bezahlbar machen. Denn wer wird diese Dinge kaufen? Mit Sicherheit kaum Loves Fans aus den 90ern, denn die dürften mittlerweile im ähnlichen Alter wie diese sein und kaum noch die Attitüde geschweige denn das Bedürfnis haben, sich so zu kleiden.

Machen wir uns nichts vor: Die Käufer dieser Kollektion sind Teenager und Millennials, die ihre Nirvana-Shirts von H&M und nicht vom Konzert haben. Junge Frauen, die eben aussehen, wie das Model auf den Promofotos. But who cares. Vielleicht startet ja demnächst eine von ihnen die Band, die dann endlich den Soundtrack zu dieser neuen Grunge-Welle bietet, die sich bisher nur modisch-kommerziell bemerkbar macht.

Als ich die einzelnen Teile zum ersten Mal gesehen habe, war ich mir bei einigen nicht sicher, wie man das authentisch kombinieren soll, doch Nasty Gal hat an alles gedacht und zeigt auf Instagram schon einige gute Styling-Möglichkeiten. Hier stimmt sogar die imitierte Pose.

Aber halt: Was soll eigentlich dieses Tutu da?! Achja, stimmt Courtney hatte wirklich solche Klamotten an. Auf der Celebrity Skin-Tour 1999. Die schwarze Spitze? Classic Courtney Love aus ihrer Professional Widow-Phase. Das perfekte schwarze Spitzenkleid stand seit dem MTV Unplugged 1995 ganz oben auf der Wunschliste vieler Teenage-Girls. Der Kimono und das lange Hexenkleid? Der ewige Stevie Nicks-Einfluss. Im Kontrast dazu die Babydoll-Kleider in Puderrosa und Babyblau. Exakt dem Dress ihres berühmt-berüchtigten Auftritts beim Reading-Festival 1994 nachempfunden. Ebendieses Outfit wurde bereits für die 2012 RTW-Kollektion von Meadham Kirchoff nachgeschneidert und mit Models im Courtney-Look auf den Londoner Laufsteg gebracht.

Insgesamt bringt Nasty Gal eine gut abgestimmte Kollektion auf den Markt, die auf Nummer sicher geht und ihre Wirkung sicher nicht verfehlen wird. Aber wer weiß, vielleicht gibt's in Zukunft noch eine Fortsetzung. Inspiration ist genug da und mir fielen da noch ein paar Sachen ein, die ich seit Jahren erfolglos versuche in ähnlicher Ausführung zu finden.


P.S.: Achja, eins noch. Für alle, die meinen zu Halloween als Courtney Love in den 90ern gehen zu müssen: Zu einem klassischen Courtney-Getup gehören Strapsstrümpfe, keine Netzstrumpfhosen. Damit hat sie erst jenseits der 40 angefangen.

Die Kollektion Love, Courtney ist ab sofort bei www.nastygal.com erhältlich.


Ein von Sophia Amoruso (@sophiaamoruso) gepostetes Foto am


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Zum Vergleich die Originale:

Courtney Love
Als Professional Widow beim MTV Unplugged
Courtney Love
Klassicher Kinderwhore-Look beim Reading Festival

Courtney Love
In schwarzer Spitze auf dem Cover des Rolling Stone

Meadham Kirchhoff
Army of Loves bei der 2012 RTW-Show von Meadham Kirchhoff



1 comment:

  1. Hi Claudia,
    I really enjoyed your post. I'm sorry I'm not replying in German but even though it's my mother tongue, I haven't spoken the language in 19 years. I'm looking forward to your next article.
    Dominique de Merteuil

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