10/03/2015

Innenansichten: Cherry Coke im Feindgebiet - Ostel, Berlin.

Grande - Ostel, Berlin


Stell dir vor, über Nacht haben sie eine Mauer durch die Stadt gebaut und ich stehe wieder auf der falschen Seite. Du im Westen, ich im Osten. Sehen können wir uns nur noch, wenn sie Dich zu mir rüberlassen. Ich selbst brauch es gar nicht versuchen.

Du müsstest mir wieder die Platten mitbringen, die die Welt bewegen. Ich würde ja nichts davon mitbekommen. Ich hätte zwar einen Computer und etwas, das sie Internet nennen. Aber das wird vom Staat gefiltert, wie in Asien. Willkommen in Ost-Berlin.

Ich müsste einen Job machen, den es gar nicht gibt. Heiraten, um eine Wohnung zu bekommen. In der dann die gleichen scheiß Möbel stehen wie bei allen anderen. Die gleichen scheiß Bücher, die gleichen scheiß Frisuren, die gleiche scheiß Disko. Schlechtes Wetter, keine Frauen. Der eine haut gegen die Wand, der andere seine Alte.

Du würdest an diese Mauer pissen, sie einreißen. Ich selbst brauch es gar nicht erst versuchen. Hab keinen Bock auf eine Kugel in meinem Kopf.

Die Uhr an der Wand funktioniert nicht. Logisch, die Zeit ist hier ja auch stehengeblieben. Das ist als Metapher ein bisschen cool, aber allein der Gedanke daran, dass es so etwas wie Ostalgie gibt, ist furchtbar abstoßend. "Immerhin keine Schrankbetten, davon bekomme ich nämlich Alpträume." Erleichtertes Seufzen deinerseits.

Unwillkürlichen kommen Anekdoten hoch. Meine Enttäuschung als ich zum ersten Mal den "goldenen Westen" gesehen habe, Köln, Mannheim, Düsseldorf. Ich dachte nur: "Ernsthaft?! Habt ihr jemals Dresden und Umgebung gesehen?" Fuck off.

Wie ich als Kind dachte "Erichhonecker" sei ein Wort, eine Bezeichnung für irgendwas. Ich hab das nie als echten Namen einer Person wahrgenommen. Ich denke an "Die anderen Bands". DDR-Punk. Etwas, was der Rest der Welt nie verstehen wird. Genauso wenig wie die Texte von damals. So sehr ich Grenzen hasse, so sehr zwingen sie den Künstler noch kreativer zu werden. Born in the GDR.

Am Abend spielen Die Nerven beim schrecklich szenigen Pop-Kultur Festival. Meine persönlichen Nirvana - und ich fürchte, wir werden wirklich nie wieder Fun in Halle haben. Die Kantine ist eine Sauna. Die Groupies stört das nicht. Die Presse ist begeistert. Das Begleitheft strotzt vor Plattitüden, Dummheit und Unwahrheiten. Ich bin zu kritisch.

"Ich hab Dir gleich gesagt, das wird nichts. In Halle, da bei den ausgehungerten Jugendlichen, die brauchen das. Aber hier, vor diesen übersättigten Berlinern. Das ist nichts." Max meint ihm Scherz: "Das ist heute unser schlechtestes Konzert und ihr seid dabei." Der Auftritt hat seine Momente, aber ich mag meine Musiker lieber unzufrieden.

Hoffentlich ist es jetzt nicht aus zwischen uns?! In der nächsten Woche erscheint das neue Album "Out", dann werde ich es wissen.

Plötzlich zieht sich Kevin aus. Komplett. Ja, wirklich. Er schaut uns triumphierend an. Ich erlebe es nicht oft, dass sich jemand auf so charmante Weise exhibitioniert. Das Publikum ist tatsächlich ein wenig verstört. Klar, Punk wollen sie sehen, aber ist das jetzt nicht ein wenig krass?

Nach der Show phantasieren ein paar Jungs darüber, wie cool es gewesen wäre, wenn Kevin einfach auf die Bühne gepisst hätte. Nur um sich dann zu fragen, ob sie sich das trauen würden und ob sie sich überhaupt schon mal irgendwo hingestellt und einfach so gepinkelt hätten. Ich muss lachen: "Lass uns nach Hause gehen."

Morgens halb Vier liegen wir angenehm betrunken im Bett unter dem Bild mit der Waldszene. Cherry Coke im Feindgebiet. Im Vintage-Radio läuft Vintage-Musik. Warum kenne ich alle diese Lieder? In den Nachrichten sagen sie, dass in den USA zwei Reporter im Frühstücks-Fernsehen vor laufender Kamera erschossen wurden.

"Wenn wir morgen nicht mehr aufwachen oder das Haus in die Luft fliegt, ist das okay. Bis hier her war es echt super. Ich hab alles erlebt was ich wollte. Der Tag heute war perfekt. Wenn es morgen vorbei ist, mach Dir keine Sorgen. Wir hatten alles. Ich erwarte nichts mehr."

Du sagt: "Das ist schön." Ich denke noch einmal kurz an die Dinge, die ich nicht haben kann und komme zu dem Schluss, dass das hier jetzt das perfekte Ende wäre.



Grande - Ostel, Berlin

Grande - Ostel, Berlin
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Die Fotos entstanden im Ostel, Berlin.

Ostel - Das DDR-Design-Hotel

Wriezener Karree 5
10243 Berlin

 www.ostel.eu

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