7/28/2015

Innenansichten: Bundesverwaltungsgericht, Leipzig - Bin ich ein Gefährder?

Bundesverwaltungsgericht, Leipzig - Grande

Im Schnelldurchlauf ziehen meine bisherigen Begegnungen mit der Polizei an mir vorbei: Anzeige wegen Exhibitionismus, Anzeige wegen Sachbeschädigung eines Autos mit anschließendem Handtaschendiebstahl, Anzeige wegen einer Morddrohung, Platzverweis vor der eigenen Haustür, Anzeige wegen Körperverletzung, Anzeige wegen versuchten Totschlags mit Messerstecherei und anschließendem Schusswechsel.

Dabei haben sie mich nur einmal dabei erwischt, wie ich nachts bei Rot über die Ampel gegangen bin. Bei allen anderen Delikten stand ich doch immer nur daneben. Ist das jetzt ein Muster für die? Bin ich etwa ein Gefährder?

Ich hasse es, als Zeuge auszusagen. Warum passieren Verbrechen immer, wenn ich in der Nähe bin? Diese Gerichtstermine stören meinen Tagesablauf und bringen mich in ein Umfeld, in dem ich mich unwohl fühle.

Beim letzten Mal hat mich der Pflichtverteidiger ziemlich in die Mangel genommen. Vor der Verhandlung ist er rumgegangen und hat jeden angesprochen. Auf meine Frage, was er von mir will, sagte er: "Ich will nur mal sehen, wer hier so anwesend ist." Penny for his thoughts. Du wirst nie wissen, wer ich bin, Arschloch.

Ich habe die Angewohnheit mich vor Gericht anders anzuziehen als üblich. Nicht unbedingt seriöser. An meinen Haaren kann ich ja eh nichts machen, also lege ich meist viel Wert darauf all ihre Vorstellungen einer gescheiterten Existenz auch mit meiner Kleidung zu bekräftigen.

Meine distanzierte Haltung gefiel ihm nicht. Als ich auf eine seiner Fragen wahrheitsgemäß mit: "Daran kann ich mich nicht erinnern", antwortete, schrie er mich an: "Dann strengen Sie ihren Kopf mal an, dafür sind Sie hier." Ich konnte mir trotzdem keine Erinnerung ausdenken. Später wollte er wissen, wer wen zuerst geschlagen hat. "Das kann ich nicht sagen. Ich hab mich weggedreht, als ich bemerkte, dass die Zwei sich streiten." Wieder schäumte es aus ihm heraus: "Sie studieren doch Psychologie, warum drehen Sie sich da weg?!" Weil ich nicht in eine Schlägerei verwickelt werden wollte, Arschloch.

Leider habe ich mit Polizeibeamten auch keine guten Erfahrungen gemacht. Ihnen fehlen zwei essentielle Fähigkeiten: Zuhören und Verstehen. Jede Zeugenaussage, die ich bisher zu Protokoll gegeben hab, ist am Unverständnis meines Gegenübers gescheitert. Weder scheinen sie ihre Stadt gut zu kennen, noch sind sie gewillt, sich eine Straßenkarte des Tatorts anzusehen.

Seltsam fand ich auch die detaillierten Fragen zur Eingangstür eines Clubs, die ich für gewöhnlich nur einmal im Jahr im Dunkeln sehe. Ist es eine Holztür? Doppelflüglig? Stand sie offen? Oder nur eine Seite? Was hat sie für eine Türklinke? Musste man die Tür selber aufmachen oder wurde man von der Security reingelassen? Wie weit ist es von der Tür zur Straße? Ja, dann fahrt doch einfach mal dahin und schaut euch das an.

Ich habe heute zwei Nachrichten des Polizeihauptkommissars auf meiner Mailbox. Er wolle mir das beschlagnahmte Beweismaterial zurückgeben. Ich möge ihn doch bitte zurückrufen, damit wir einen Termin ausmachen können. Woher hat er meine Handynummer? Beim Sicherstellen der Beweise gestern hab ich ihm meinen Ausweis gegeben, nicht meine Nummer.

Mit einem Blick in mein Postfach stelle ich fest, dass er mir heute Morgen sogar schon eine Mail geschrieben hat. Er sei heute schon an meiner Wohnung gewesen, um mir die Beweise zu geben, aber ich sei  nicht anzutreffen gewesen. Das ist richtig. Ich war heute Morgen 9.30 Uhr nicht zu Hause. Aber nochmal: Wo hat er die her? Ich habe ihm nur meinen Ausweis gegeben, nicht meine Mailadresse. Es könnte sonstwer sein, dem er hier geschrieben hat. What. The. Fuck.

Bin ich jetzt in irgendeinem System gespeichert, weil ich schon so oft ausgesagt habe und er hat mich dort gefunden? Bin ich ein Gefährder?

Du weißt ja wie das ist: Sie überwachen nicht nur potentiell gefährliche Personen, sondern auch alle, mit denen sie Kontakt haben. Jetzt überleg mal, wann Du mir das letzte Mal eine Mail geschrieben hast? Wir telefoniert haben? Worum es in unserem letzten FB-Chat ging? Oder bei Deinem Video-Anruf über Skype neulich?

Ich bilde mir auch ein, dass ich vor zwei Jahren zufällig beobachtet habe, wie sie einen heimlichen Überwachungsposten vorne an der Straßenecke eingerichtet haben. Ich kam gerade die Straße entlang, als der Hausmeister zu den Polizisten sagte: "Dann müssen wir aber jetzt zu Fuß in den 4. Stock." "Wir sind die Polizei, wir können das." Was für eine seltsame Antwort, dachte ich damals und wunderte mich, warum die mit einem Laptop ganz nach oben wollen.

In den folgenden Wochen stand immer wieder ein Streifenwagen vor dem Haus und ein Polizist starrte dort in seinen Laptop. Überhaupt, wenn ich jemandem zutraue ein Netzwerk "Halt! Nicht einwählen!" zu nennen, dann der Polizei.

Vielleicht ist es besser, wenn wir ab sofort keinen virtuellen Kontakt mehr haben, nicht mehr telefonieren und uns nur noch dort treffen, wo wir keine Kameras vermuten. Unsere Emails und Chats haben sie ja sowieso schon gelesen.

Bundesverwaltungsgericht, Leipzig - Grande
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Alle Fotos sind zum Tag der offenen Tür 2015 im Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entstanden. Auf einigen Bildern sind Kunstinstallationen von HGB-Schülern zu sehen, auf die noch weitere folgen sollen.

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