5/27/2015

Gothic Pogo Festival X - Too weird to live, too rare to die.

Gothic Pogo Festival X

"Was machen die da? Was soll das?", fragt sich die fette Elke nach Luft schnappend auf der harten Bierbank. Ich frage mich dasselbe. Gemeint sind die (wie jedes Jahr stoisch in den Medien verbreitet wird) 20.000 Besucher des Wave-Gotik-Treffens. Allerdings stellt sie die selbe Frage auch den zahlreich anwesenden Hobbyfotografen.

Ein Pferd kommt vorbei. "Ieh, Hilfe ich hab Angst! Ich muss hier weg!" kreischt sie. Es ist natürlich kein echtes Pferd, sondern ein Mensch im Pferdekostüm. Auch wie jedes Jahr. Schnell beruhigt sich Elkes schlichtes Gemüt: "Oh, das sieht schön aus. Ja, das Kleid gefällt mir!" In ihrem Grüppchen werden Pläne geschmiedet: "Nächstes Jahr zieh ich mir schwarze Strapse an und dann mach ich hier auch mit!"

Was machen die da? Was soll das?

Ich blicke auf eine Szene, deren Mitglieder sich untereinander nicht einmal einig sind, was das nun alles darstellen soll. Hin- und hergerissen zwischen beinahe schon zwanghafter Toleranz und ständiger Stilkritik. Für die Stadt Leipzig schon vor Jahren zur Touristenattraktion mutiert, kommen die äußeren Erkennungsmerkmale immer noch zuverlässig aus dem Mailorder-Versand.

Es ist faszinierend, dass Weiterentwicklungen mittlerweile von Industrien gemacht werden, die in erster Linie nichts mit dieser ehemaligen Subkultur zu tun haben. Modelabels der höchstpreisigen Kategorien haben eine Hochglanz-Goth-Ästhetik entwickelt, auf Tumblr unterhält man sich über Pastel Goth und hat Pentagramme (gern als BH oder sonstige Bestrippung des Körpers) in Verbindung mit Jeffrey Campbell-Schuhen und Beanies zum ultimativen Hipster-Goth-Trend erklärt, in Lifestyleblogs wird über Health Goth geschrieben, aus Los Angeles kommen interessante Nu Goth-Acts.

Auf dem WGT ist noch nichts davon angekommen. Nicht nur das Line-up ist seit gefühlten 10 Jahren unverändert. Einen Großteil der Besucher kenne ich von Zeitungsfotos, teilweise jedes Jahr im gleichen Outfit. Nur die Falten im Gesicht werden mehr.

Was machen die da? Was soll das?

Es ist so langweilig, es könnte mir nichts egaler sein. Ich flüchte ins UT Connewitz und sehe mir den neuen Musikfilm "B-Movie: Lust & Sound in Westberlin" an. "Dieser Film ist lebensverändernd!", schreibe ich 10 Minuten später in mein Notizbuch. Endlich etwas Lebendiges! Mark Reeder ist ein fantastischer Erzähler, der mit Witz und verrückten Anekdoten durch seine Jugend führt. Gab es diesen Ort wirklich? Wie konnte so ein Leben möglich sein? Und alles ohne Geld! Es ist einfach, lustig, durchgeknallt, hart, neu, experimentell, progressiv, frei.

Aufgeregt renne ich zurück zum Gothic Pogo Festival ins Werk II. Alle sollen es wissen! Das ist alles falsch, was hier vorgeht. Wir müssen das alles ganz anders aufziehen. Direkter sein. Uns nehmen, was wir wollen. Nicht vereinnahmen lassen. Auf keinen Fall in ein geregeltes Arbeitsleben desertieren. Nur Kunst und Musik sind wahrhaftig. Alles andere nebensächlich. Aber wem erzähle ich das. Das GPF ist für fünf Tage genau dieser Ort.

I'm doing it a different way

Für das, was hier musikalisch passiert, gibt es viele Begriffe: Deathrock, Post Punk, No Wave, Minimal Wave, Cold Wave, New Romantics und vor allem Gothic Pogo. Im Hof unterhalten sich Menschen über Tumblr (ha!) und ich stelle fest, dass viele der Anwesenden Instagram für sich entdeckt haben. Der Name Rick Owens fällt. Wir reden über Paris, Versailles, Verreisen. Die Kleidung ist stylish statt vulgär, das Make-up sieht aus wie in den Büchern und nicht wie aus der BILD-Zeitung. Im Disko-Nebel ist der Umgang untereinander einfach nur angenehm. Nicht so gereizt und ordinär. Diesen tanzenden Füßen könnte ich ewig zuschauen.

Plötzlich muss ich an The Bates denken und ihr Cover von Independent Love Song, zu dem ich mir schon 1997 einen runtergeholt habe. Hier ist er, der different way. Alles fühlt sich gut an. Keine schlechten Gedanken. Keine Zukunftsangst. Keine Vergangenheitsnostalgie. Sie nennen es living in the moment. Für mich ist es eine nie gekannte Leichtigkeit. Vielleicht liegt das am Schlafentzug. Gegessen habe ich auch schon lange nicht mehr richtig. Seit zwei Tagen trinke ich nur noch Leitungswasser, weil es mir absurd vorkommt, in einen Supermarkt zu gehen. Zum Glück gibt es Bars für die Nacht und den richtigen Geschmack im Mund.

Am letzten Tag krieche ich morgens um 5 Uhr aus dem Club zurück ans Tageslicht. Die Vögel piepen. Es klingt wie Independent Love Song. Sanft gleiten wir durch die menschenleeren Straßen. Die Nachtlichter gehen langsam aus. Die Sonne geht auf. Alles bewegt sich wie in Zeitlupe. Ich kann nicht mehr zurück zu dem, was vor einer Woche war. Keinen Bock mehr auf Rewe, Straßenbahn, Stromrechnung, Essen kochen, Wäsche waschen, Wohnung aufräumen.

Wir sind too weird to live and too rare to die.

[All my love and kisses go out to the whole team organising Gothic Pogo Festival. You save music culture and made my life worth living.]

www.gothicpogo.com

Gothic Pogo Festival X
Bad Kids @ Gothic Pogo Festival
Gothic Pogo Festival X
Bad Kids @ Gothic Pogo Festival

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