1/17/2015

Innenansichten: Die Nacht ist teuer - Hotel Le Berger, Brüssel.

Hotel Le Berger - Brüssel

Zwei Jahre habe ich nach einem neuen Hotel gesucht. Das Evropa in Prag wurde Ende 2013 überraschend geschlossen. Insolvenz. Mittlerweile haben sie einen  neuen Investor gefunden, der so einen hässlichen, modernen Klotz daraus macht. Gesichtslos und langweilig, wie all die anderen Luxushotels. Mich haben sie rausgeschmissen, alle Angestellten entlassen, die Tapeten abgerissen, Vorhänge und Möbel verbrannt. Wieder so eine unwürdige Beerdigung.

Es ist gar nicht so leicht ein ähnlich gebrochenes Haus zu finden. In einer Stadt, die ich ertragen kann. Ich habe lange recherchiert und nun ist es tatsächlich das Hotel Le Berger in Brüssel geworden. Eigentlich nur logisch von einer Jugendstil-Stadt in die andere zu wechseln.

Jeder Mensch hat drei Leben: Das öffentliche, das private und das geheime. Das Le Berger entstand 1933 für Menschen mit Geheimnissen. Es wurde bewusst luxuriös gestaltet, um die jungen Mädchen zu beeindrucken. Eine Traumwelt aus Glitz und Fun. Die schmalen Gänge und zwei verschiedene Eingänge sollten verhindern, dass sich die Gäste begegnen.

Ich treffe mich mit Jungs, die aussehen wie Mädchen, die aussehen wie Jungs. Diese Jungs stehen auf Mädchen, die aussehen wie Jungs, die aussehen wie Mädchen. Ich mag das. Wäre es es doch nur überall schon soweit. Das mit dem Eindruck machen funktioniert auch heute noch.

Es ist fantastisch, besonders da ich jetzt wieder mehr auf meine Privatsphäre achte. Die zwei Fahrstühle kommen meinem Besuch ganz gelegen. Mit dem einen geht es aufwärts, mit dem anderen ausschließlich abwärts. Das Personal unterstützt Heimlichkeiten auf eine elegante Weise, wie ich sie bisher selten erlebt habe.

This place isn't real man. This girl is a whore. Ab und zu bekomme ich Anfragen, was so eine Dienstleistung bei mir kosten würde. Per Mail, Brief, auf kleinen Zetteln, die unter der Tür durchgeschoben oder beim Concierge abgegeben werden. Fanpost eben. Ich muss dann immer antworten, dass ich diesen Service leider nicht anbieten kann, weil er bei mir so gut ist, dass man den Wert nicht in Geld übersetzen kann. Übrigens ganz im Sinne des Hotels, was nie eine Anlaufstelle für Prostituierte war. Sondern ein edler Rückzugsort für eine besondere Auszeit.

Was ist davon übrig geblieben? Die Zimmer tragen süße Frauennamen. Es gibt keine Schränke. Für gewöhnlich braucht man ja keine Lagerplätze für Sexkapaden-Zubehör. Spiegel dagegen schon. Kuschelige Kissen und Sofas. Jeder Raum folgt seinem eigenen Farbkonzept. Ein Filmset könnte nicht schöner sein. Außerdem weiß ich natürlich die gut beleuchtete Schminkkommode zu schätzen.

Leider ist das Zimmer "Ambre" dauerhaft belegt, aber ich werde nicht müde ständig danach zu fragen. Freie Sicht vom Bett auf das auf einem Podest gelegene Badezimmer und verspiegelte Säulen am Eingang. Ich meine: Wo kann man besser tanzen?

Jeden Abend pünktlich um 9 Uhr zünde ich mir eine Zigarette an und beobachte das attraktive Pärchen in der Wohnung gegenüber. Die Beiden müssen tolle Jobs haben, wenn sie sich so ein großes Loft mitten in der Stadt leisten können.

Häufig bekochen sie ihre ebenfalls super attraktiven Freunde und hören dabei deutsche Opern. An den Wänden hängen großformatige Drucke von provokanten Kunstaustellungen aus den 90ern. Heute sitzen sie nackt auf der Couch und schauen über einen Beamer Pornos, während ihre schwarze Hauskatze auf dem Balkon sitzt und in die Tiefe starrt.

Zum Abendessen gibt es ein frisches Baguette, getrocknete Tomaten und Feta. Eine Flasche Rotwein für die Sachen im Kopf. Das Zimmermädchen fragt nicht mehr, was das für Flecken in den Laken sind. Ich zappe mich durch das Fernsehangebot der BBC und bleibe auf einer Reportage über Koka-Bauern in Südamerika hängen. Unglaublich, wie unprofessionell das alles abläuft.

Ich muss wieder an meinen Streit mit R. denken. Meine Rücksichtslosigkeit hat ihn entsetzt. "Es ist unglaublich! Ich, ich, ich! Du vertraust keinem Gedanken, der nicht aus deinem eigenen Kopf kommt. Wie so ein Junkie saugst du alle Emotionen auf, scheiß egal wie es anderen dabei geht."  Ich muss lachen, Habe ich doch alles schon x-mal aufgeschrieben. Ich fühle die Dinge einfach nicht, die er mir vorwirft. "Geh zur Therapie, mir reicht's!" Werde ich bestimmt nicht tun. Es ist Zeit auf den Boden der Tatsachen zurück zu kommen, hat er gesagt.

Meine Gefühle sind anachronistisch. Oft nostalgischer Natur. Während mein Kopf bereits in einer dystopischen Zukunft hängt. Ich kann mich nicht ewig im alten Europa verstecken. Ein Krieg zieht herauf und bald gibt es das nicht mehr. So wie das alte Hollywood schon vor 50 Jahren gestorben ist.

Ich gehe raus und lasse die Bahnhofshalle in der Erde versinken. Mit einer Handbewegung. Einem Knopfdruck. Und einer dumpfen Erschütterung. Das nenne ich auf den Boden der Tatsachen zurückkommen.

Bleibe ich lieber noch ein Weilchen oben.

Hotel Le Berger - Brüssel
Hotel Le Berger - Brüssel
Hotel Le Berger - Brüssel
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Hotel Le Berger - Brüssel
Hotel Le Berger - Brüssel
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Adresse:

Hotel Le Berger
24 Rue de Berger
1050 Brüssel, Belgien

http://www.lebergerhotel.be/

3 comments:

  1. wow. das schaut richtig toll aus da! und kleid (oder jumpsuit?) gefällt auch!

    www.thefashionfraction.com

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    1. Danke! Das ist ein Kleid. So eine Saint Laurent-Nachmache.

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  2. I absolutely love your blog! <3

    unknownprettylies.blogspot.com

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