12/10/2014

Ästhetik im Alltag: Genieß den Tag.


Oft findest Du etwas in der Leipziger Straßenbahn. Meist ist es Müll. Leere Bierflaschen, Krümel, alte Taschentücher. Betrunkene Typen, zu viele Kinder, Krankheitserreger. Heute Morgen war das anders.

"Oh schau mal, da hat jemand einen Brief vergessen!" Sieht interessant aus. Eine beidseitig handbeschriebene, einmalig gefaltete DIN-A4 Seite. Was da wohl drin steht? Ob ich mir den schnappen sollte? Liegt ja wie auf dem Präsentierteller und ruft mich.

Ein Fahrgast setzt sich auf den Platz und nimmt den Zettel interessiert zur Hand. "Zu spät." So ein Mist, am Chausseehaus muss ich aussteigen. Warum hab ich nicht zugegriffen? Manchmal bin ich einfach zu lahm.

Was jetzt nach einer verpassten Chance klingt, ist in Wirklichkeit eine echte Amelie-Story. Oder ein Wes Anderson-Film, je nachdem welche Farbpalette Du lieber magst.

Am Nachmittag bekomme ich einen Anruf von meinem Dealer. Lange nichts mehr gehört. "Ich habe etwas für dich." "Achja? Was soll das denn sein? Und hatte ich Dir nicht gesagt, dass Du mich auf diesem Telefon nicht mehr anrufen sollst?"

"Heute Morgen in der Linie 10 lag doch so ein Brief... hab gehört, Du wolltest den lesen, hast Dich aber nicht getraut. Ich hab ihn für Dich aufgehoben. Ist per Express-Kurier unterwegs."

Du siehst mich überrascht.



"Heute bin ich in der Bahn sitzen geblieben. Ich sollte gerade in Bio sein und Transkription & Translation vermutlich vorne an der Tafel erklären, aber hier bin ich. An der Märchenwiese.

Durch seine eigene Stadt fahren und Menschen, Häuser, Bäume, Plätze, Kinos, Passagen, Einkaufszentren, Schulen, Cafés, Plakate, Wände neu entdecken sollte man viel öfter. Der Himmel heute ist SO W.U.N.D.E.R.S.C.H.Ö.N. Orangerotrosa, die Wolken spiegeln sich in der davorfahrenden 16.

Sitze jetzt in der 10 Richtung Zuhause. Irgendwo zwischen hier und Wahren werde ich eine neue Richtung einschlagen.

Immer wenn ich mit ÖVM's fahre, sehen die Leute so traurig, gestresst und müde aus. Und alleine - aber in der Stadt, in Gesellschaft, lachen alle. Wem wollen die denn was vormachen? Oder helfen die Anderen ihnen einfach ihre Probleme für diese Zeit zu verdrängen?

Der Weihnachtsschmuck überall ist größtenteils potthäßlich, aber die Lichter machen ihn schön. Das ist wie mit Quarkkäulchen. Die SCHMECKEN einfach, egal wie schlecht der Koch oder IndiePfanneschmeißer ist. Lichter machen auch den häßlichsten Teil der Stadt schön. Und Abgefucktes hat eine andere Art von Schönheit. Vor dem LIDL stehen zwei Krankenwagen. Ich hoffe, die holen sich nur ihr Frühstück und müssen nicht eine Oma verarzten, die über ihrem Katzenfutter zusammengebrochen ist. Das täte mir leid.

Irgendwie komme ich nicht mit dem Gedanken klar, dass ich niemals wissen werde, wer das hier findet. Ob es überhaupt jemand liest und nicht einfach nur im Müll landet, wenn der Bahnfahrer seine übliche Runde nach Fundstücken in der Bahn macht.

CONNEWITZ! Mein klein Paris. Jetzt habe ich nicht mal aus dem Fenster geschaut, wie aus Lößnig Connewitz wird. Das war schon immer ein schwarzer Fleck in meinem innerlich aufgestellen LVB Fahrplannetz.

Am Rewe am Kreuz sitzen keine Menschen. Und Hunde auch nicht. Wo schlafen die überhaupt?

Normalerweise sieht man die doch noch um 23 Uhr dort sitzen.

Selbst hier in der Südvorstadt lächelt niemand um die Zeit. Aber hinter mir sitzt ein sehr sehr cooler (vermutlich) Jamaicaner mit grasfarben-Mütze und dreht sich eine.

Ich lass das hier nicht in der 10.

Am Ende findet das noch jemand aus Möckern oder Gohlis. Die habe ich schon zu oft erlebt, als dass ich sie sympathisch finden könnte.

Soll ich an der nächsten Haltestelle ganz verzweifelt nach einer Bahn rennen, als ob die über meinen gesamten nächsten Tag entscheidet?

Whoa! Ich habe noch nie beim Burgermeister gefrühstückt. Wäre ich eins von diesen Mädchen, das einfach immer in Spargelbreite bleibt, und hätte ich Geld, würden sich jetzt Pommes und Haloumiburger in meinem Magen suhlen. Und 3 Liter Ketchup.

Bin ich aber nicht.

Genieß den Tag! Mach ich doch auch"


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