11/17/2014

Travel: No rest for the wicked, Hamburg - Reeperbahn.

Hamburg - Reeperbahn - Grande

"Und was machst Du am Wochenende?" "Ich fahre nach Hamburg, auf die Reeperbahn." "Und was machst Du da?!" "Spaß haben." Uff.
Zur Einstimmung gehen wir zum Italiener eine Seitenstraße weiter. Irgendwie riecht es da seltsam und wir einigen uns darauf auf Meeresfrüchte zu verzichten. Ich bestelle stattdessen hausgemachte Ravioli mit Steinpilzen, dazu ein großen Glas Chianti. Eine halbe Stunde später ist die Welt in Ordnung.

Bis zum Konzert der wunderbar traurigen Lykke Li haben wir noch zwei Stunden Zeit. Das Interessante an den Sexshops mit den austauschbaren Angeboten sind an diesem Nachmittag die Gespräche. "Was war denn gestern nun eigentlich mit dem Typen der die High Heels wollte?" "Der wollte die doch für sich oder?" "Ja, erst wollte er's nicht zugeben, war dann aber eigentlich ganz nett, hat sich alles zeigen lassen." "Und, hat er dann welche gekauft?" "100€ waren ihm dann doch zu teuer für einmal tragen. Da hab ich gesagt, er kann auch in den Laden nebenan gehen und sich welche für 20€ holen, die haben dann halt schlechte Qualität. "Ja, schlechte Qualität..."

"Dann ist er plötzlich komisch geworden. Wollte mich auf einen Kaffee einladen. Da hab ich gesagt, ich geh nicht mit Kunden Kaffee trinken. Das hat ihm irgendwie nicht gepasst und er ist mir dann die ganze Zeit hinterher gerannt. Ich wollte dann die Kasse machen und da steht der direkt neben mir und ich so: Jetzt geh hier mal von der Kasse weg. Hat nicht gehört, da musste ich ihn rausschmeißen lassen." "Idiot."

Ein paar Türen weiter wird gerade ein Mädel neu eingelernt. Wahrscheinlich gerade 18 geworden. Aushilfsjobs in den Sexläden sind beliebt. Nachdem der Chef seine Neon-Unterwäsche ausführlich mit Kunden diskutiert hat, wendet er sich an seine neue Mitarbeiterin: "Es hat Beschwerden gegeben." "Meinetwegen?", fragt sie ängstlich. "Ja, das auch. Aber es geht darum, dass wir uns ab sofort Siezen müssen." "Ja." "Eines von den anderen Mädchen findet es nicht gut, wenn wir uns Duzen." "Ja." "Das hebt auch das Niveau im Laden." "Ja." "Manche denken sonst sie sind hier sonstwo." "Ja:" Freundliche Zettel weisen darauf hin, dass man mit den Peitschen nicht im Geschäft spielen soll. First buy, then play. Fair enough.

Ich überlege noch, ob ich den schwarzen Sack zum auf den Kopf setzen mitnehme. Aber eigentlich hab ich alles was ich brauche. Und im Zweifel tut's auch eine alte Einkaufstüte.

Zurück am Wagen bin ich erstaunt, dass wir - obwohl mitten an der besten Stelle parkend - weder einen Strafzettel bekommen haben, noch der Lack Bekanntschaft mit dem Schlüssel eines Zuhälters gemacht hat.

Lykke Li liefert wie erwartet ein souveränes Set zwischen Nebel und schwarzen Vorhängen ab. Das Publikum sieht aus wie bei Lana Del Rey, nur die Blumenkränze fehlen. Und Lykke geht eher auf Abstand mit dem Publikum anstatt auf Kuss-Ebene. Sie hat so eine typische Handbewegung beim Singen, die wirkt, als würde sie versuchen Dich ganz dicht an sich heranzuziehen. Aber in Wirklichkeit ist es nur ihr ungreifbarer Liebster, den sich einzuholen sucht. Eingetaucht in rotes Strobo feuert sie zum Finale ihre Gunshots ab.

Das tut nicht nur in den Augen weh und ich frage mich, wie ihre persönliche Beziehungsgestaltung wohl aussieht. In Interviews hat sie gesagt, dass sie darin nicht sehr gut ist und ihre Lieder klingen auch so. Wenn sie nicht auf Tour ist, besucht sie deshalb einen Therapeuten, der ihr geraten hat, den Beruf zu wechseln, damit sie ihn öfter sehen kann.

Zwischen Straßenstrich, Obdachlosen, Flatrate-Sex (so etwas darf man nicht unterstützen!) und Eurodance-Bars gibt es in St. Pauli auch gehobene Unterhaltung. Uns wurde die Burlesque-Bar "Queen Calavera" am Hans-Albers-Platz empfohlen. Vorbei an den Drogensüchtigen und volltrunkenen Engländern wirkt das hübsche Türmädchen wie eine Erlösung. Ein gleißendes Licht am Ende des Tunnels. "Ach schau mal, sie lächelt uns schon so freundlich an: Hier sind wir richtig." 10€ kostet der Eintritt pro Person, eine Reservierung für einen Tisch plus eine Flasche Sekt für gewöhnlich 50€.

Der erste Burlesque-Club Deutschlands (habe ich gelesen, ich weiß nicht, ob das stimmt) sieht von innen genau so aus, wie ich mir so einen Club immer vorgestellt habe. Winzige Bühne, die eher einem Laufsteg gleicht, zwei Tische direkt daneben, eine kleine Tanzfläche im hinteren Bereich. Weil die Tische natürlich belegt sind, nehmen wir an der kuscheligen Bar Platz. Alles ist rot und plüschig, die Barfrau trägt stilecht blonde Victory Rolls zum Vintage-Kleid. Es wird geraucht und später Swing und Rock'n'Roll getanzt. Wieder einmal habe ich das Gefühl im Himmel zu sein. Hamburg ist nicht nur sexy, Hamburg hat Sex. Und zwar den guten.

"Was wollt ihr trinken?" Wir entscheiden uns für einen Gin Tonic, das passt zum Ambiente. Können wir bitte hier einziehen. Warum hat nicht jede Stadt so einen Club. Ach, was sind wir privilegiert. "Hamburg ist toll, aber die Männer hier sind scheiße", sagt die Bedienung. Kein Wunder, wenn sie hier lernen, dass jede Frau gekauft werden kann, denke ich. Aber was interessiert's mich. Ich brauche heute Nacht keine Verehrer. Ich möchte verehren.

Gegen Mitternacht gibt es den ersten Auftritt. Heute sind zwei Mädchen da, sie wechseln sich ab. Ein Tanz dauert genau einen Song. Danach 30 Minuten Pause. Wir werden mit Sternenstaub begrüßt es ist wie im Märchen. Das Publikum tanzt zu "Bad Beau". Tatsächlich sehen hier die meisten beau und bad aus. Ich nehm noch einen Gin Tonic.

Dann hat sie ihren Auftritt. "Sophie ist anders", sagt die Barkeeperin. Höre ich Verachtung, oder bilde ich mir das nur ein? Zu Etta James "I'll take care of you" steigt sie auf die Bühne und bringt den besten Tanz, den ich je gesehen habe. Dieser Song hat aber auch alles, was man für einen guten Strip braucht. Schleppendes Schlagzeug, verletzten Gesang und einen Mittelteil zum Dahinschmelzen. Sophie zieht sich nicht nur aus, sie zelebriert es. Ich kann kaum noch atmen, als sie die Nummer mit den Strümpfen und ihren Zähnen bringt. Ich weiß nicht, ob ich auf ihre Füße oder in ihre Augen starren soll. Unterkiefer. Fußboden. Aufsammeln. Eine Performance wie im Film. Nur das hier ist real.

In der Nacht träume ich von mir als gefeierte Burlesque-Tänzerin. No rest for the wicked, indeed.

Hamburg - Reeperbahn - Grande

Hamburg - Reeperbahn - Grande
Hamburg - Reeperbahn - Grande
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Hamburg - Reeperbahn - Grande
Hamburg - Reeperbahn - Grande
Hamburg - Reeperbahn - Grande
Hamburg - Reeperbahn - Grande
Hamburg - Reeperbahn - Grande

2 comments:

  1. Toller Beitrag, sehr interessant geschrieben! Hamburg ist schon ein interessantes Pflaster, ich fahre wirklich gerne in die Stadt. Die Leuichtreklamen die es dort gibt sind ja der Hammer... Man wird förmlich erschlagen davon. Wahnsinn

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    1. Sagt der Spezialist für Leuchtkästen jeglicher Art. So mag ich das Internet.

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