3/24/2014

Innenansichten: Millennium Bailey's Hotel - London, Gloucester Road.

Millennium Baileys's Hotel - London - Grande


Die Französin ist frühzeitig abgereist. Den Grund dafür wollte sie mir nicht nennen. Ehrlich gesagt bin ich auch ganz froh darüber, denn ich war in den letzten Tagen keine gute Gesellschaft. War zu viel in meinem Kopf unterwegs und hab nur noch das nötigste gesprochen.

Das ist langweilig für Außenstehende und manchmal auch irritierend. Ich vergesse dann einfach, dass sie meine Gedanken nicht lesen können und verliere mich bisweilen im Fernsehprogramm oder bleibe auf einem bestimmten Song hängen. 24-Stunden-Repeat kann wirklich an den Nerven zerren.


Jetzt wohne ich also allein im Millennium Bailey's in Kensington. Es ist eines der ältesten Hotels in London und hat trotz verschiedenen Besitzern sein Gesicht bewahrt. Ich mag charakterstarke Hotels. Alt muss es sein und knarzen. Verlebt, mit einer dünnen Staubschicht versehen. Mit den sanierten, cleanen Luxus-Häusern kann ich nicht so gut sprechen. Die erinnern mich zu sehr an Gefängniszellen.

Das Old Bailey's ist anders. Ein viktorianisches Stadthaus mit langen, dunklen Gängen und endlosen geschwungenen Treppen. Die Eingangstür wird mir stets vom Concierge aufgehalten. An der Rezeption werde ich immer wieder auf Deutsch angesprochen, was zu Anfang verwirrend war. Meine Antwort ist das bekannte Gebräu aus diversen Sprachen.

Ich habe ein schönes Doppelzimmer in der ersten Etage, genau an der Ecke zur Straße hin. Beim Einchecken wurde ich zwar gewarnt, dass morgens um 8 Uhr Straßenbauarbeiten beginnen würden, aber ich ziehe den Ausblick der Geräuschkulisse vor. "Ich brauche große Fenster", hatte ich gesagt. Darin drappiere ich mich in den Nächten, denn es gibt kaum etwas beruhigenderes als an der Scheibe zu stehen und hinaus ins Dunkel zu spähen.

Es nieselt, Geschäftsleute versuchen ein Cab zu erwischen, gegenüber trinken sie sich das Leben und ihre Gesprächspartner schön. Manchmal frage ich mich, wie das für die Fußgänger aussieht. Ich, starr an die Scheibe gepresst, umrahmt von den schweren, goldenen Vorhängen. Wenn es mich interessiert, lasse ich mir am nächsten Tag die Yellow Press bringen.

Heute stehen keine Reporter draußen. London quillt über von Stars. Es ist Fashion Week. Am Abend werden die BAFTAs verliehen. Es gibt größere Fische zu angeln. Ich war beim Friseur, habe mir weiche 40er-Jahre-Wellen legen lassen. Für den Notfall. Solltest Du doch noch anrufen und mich bitten, Dich zu begleiten.

Zum Hotel gehört ein italienisches Restaurant und eine kleine Bar mit angenehmer Beleuchtung. Während ich in meinen Cocktail starre und mich darauf konzentriere, die Naturgewalten endlich wieder zu kontrollieren, spüre ich sanften Atem in meinem Genick. Eine äußerst angenehme Stimme fragt mich, ob ich mit ihr zu Abend essen möchte.

Zur Abwechslung habe ich heute nicht Addict drauf. Das zieht einfach zu viele Spinner an. Keine produzierenden Künstler mehr, habe ich mir vorgenommen. Das gilt besonders für Maler, Schriftsteller und Musiker. So wie sie mich riechen, kann ich ihre Gedanken fühlen. Das ist erhebend und für eine gewisse Zeit äußerst erfüllend.

Aber ich kann es nicht mehr ertragen, durch eine Welt voller Trennungsdevotionalien zu waten. Im Radio laufen traurige Lovesongs, sie handeln von mir. Im Fernsehen werden verzweifelte Dichtungen besprochen, es geht um mich. Im Museum hängt ein tragisches Portrait neben dem nächsten, darauf zu sehen: ich. Irgendwie können sie's nicht lassen.

Die Ironie des Lebens sorgt dafür, dass diese Werke Hits werden. Dabei ist es ganz einfach: Nichts bewegt Menschen so sehr wie Schmerz und Enttäuschung, Verzweiflung und Verlangen. Wuttrauer oder Trauerwut - dieser Begriff beschreibt dasselbe Gefühl, nur vom anderen Ende des Spektrums. Schlimmer ist nur Angst. Aber die findet sich selten in künstlerischen Arbeiten wieder. Ich atme ein.

"Fahrenheit", sage ich, "und für gewöhnlich esse ich nicht mit Fremden. Vor allem nicht in der Öffentlichkeit." In Vorbereitung auf die Preisverleihung trage ich Dahlia Noir von Givenchy und die glänzenden Saint Laurent-Stiefeletten. Eine sanft duftende evil witch. Das hat Klasse. Das passt zu meiner Vorstellung von Eleganz. Und es wirkt. Bloß nicht telepathisch durchs Telefon.

"Wir können was vom Zimmerservice bringen lassen", sagt die Stimme. "Übrigens siehst Du beim Tanzen sicher noch besser aus." "More like throwing a fit or having a seizure. Aber im Ernst: Ich würde gern Tango lernen. Oder Fado." Sein Gesicht kommt näher: "Ah Saudade... I could teach you sometime." Ein letzter Blick auf mein Telefon. Du rufst nicht an. Ich sehe wie unser Bild wieder abstürzt. "Ok, ich wohne in 140. Die Aussicht ist fantastisch."

Als ich die Tür öffne, bemerke ich einen kleinen Umschlag auf dem Fußboden. Die Handschrift verrät, dass mir der Graue etwas unter der Tür durchgeschoben hat. Keine Ahnung woher er immer so zuverlässig weiß, wo ich gerade bin. Junkie Love. Klingt gut. Trotzdem lasse den Brief in der Schublade neben dem Bett verschwinden. Heb ich mir für später auf, brauch ich heute nicht.

Umschlungen von der Stimme liege ich auf dem Bett und schaue mir die Preisverleihung an. Ich glaube, es geht mir gut. Aber ich habe Angst, dass ich den Knopf der Fernbedienung drücke und der Ton im Flatscreen verschwindet.      

Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande
Millennium Baileys's Hotel - London - Grande

No comments:

Post a Comment

Google