6/27/2013

Reise: Amsterdamned // Teil 3.

Tuschinski - Amsterdam
Damit ich unser Mittwochs-Date nicht verpasse, hast Du die Stadt mit Postern tapeziert. Wäre nicht nötig gewesen. Ich weiß genau wie Dein Gesicht aussieht.

Um mich zu beeindrucken hast Du für unser Treffen ein herrliches Art Déco-Gebäude ausgesucht. Der Teppich ist so flauschig, dass ich darin stecken bleibe. Die Deckenbeleuchtung wechselt sanft die Farbe, während sich die Lampen alienhaft aus dem Dunkel schälen. Blumen, alles voller Blumen. Was für eine opulente Begrüßung.



Als ich den großen Saal betrete, glaube ich mich in der Tür geirrt zu haben. Alles voller Menschen mit künstlichen Wimpern und roten Lippen. Unterschwelliges Dröhnen begleitet eine verzerrte Oper. Sie scheinen es nicht zu hören. Vergeblich suche ich Dich im Gedränge. Ich konnte noch nie gut mit Menschenmassen. Schließe meine Augen. Sende Dir unser geheimes Zeichen. Hörst Du mich? Keine Antwort.

Rauch steigt auf, die Fenster stehen in Flammen und ich bemerke, wie Du Dich langsam aus dem Spinnenweben-Vorhang schälst. Umringt von kreischenden Teenagern. Stars leben vom großen Auftritt. Du scheinst es Dir zur Aufgabe gemacht zu haben, sie alle gleichzeitig zu bedienen. Hier ein Küsschen, dort ein Autogramm. Jeder noch so dumme Kommentar wird freundlich beantwortet. Das Geschrei wird lauter, die Luft knapper. Ich gehe unter.

"Wenn Du mich ansprichst, ist das wie in einem Film - und es macht mich wahnsinnig!", hast Du zu mir gesagt. Heute ist alles anders. Hast keine heart-shaped box dabei. Kein burning desire mehr. Bist viel zu beschäftigt, Dich um Deine neuen Verehrerinnen zu kümmern. Nicht mein Spielfeld. I love you, but I hate your fans. Enttäuscht ertränke ich den Rest des Abends in einer gekauften Frau, die Dir zum Verwechseln ähnlich sieht. Was war das denn?

Abreise. Gleis 13a. Nein, Gleis 10b. Doch wieder 13a. Schweiß. Hätte ich mir bloß einen Kofferträger geleistet. Ein Junge mit weit aufgerissenen Augen steigt ein. Ebenfalls überzogen von Schweiß. Knallt sein Fahrrad in die Ecke, pfeffert eine Pizza auf den Tisch, ploppt das Billigbier auf. Beginnt sich hektisch vollzustopfen, der Käse quillt ihm unkontrolliert aus dem Mund. Hinter mir lacht einer: "Der frisst wie ein Schwein!" "Was'n, die Pizza schmeckt halt. Hab seit 5 Tagen nichts als Tabletten gefressen ey." Hättest Du nicht dazu sagen müssen.

Eine Minute später ist die Pizza weg und er wühlt wie ein Irrer in seinem Portemonnaie rum. Holt eine abgeranzte Versicherungskarte und einen 10€-Schein heraus. Das Pulver zerkleinert er auf einer CD-Hülle. "Koksen im Zug, das hab ich auch noch nicht erlebt", kreischt der Kommentator. "Das ist MDMA, bestes Zeug!", tönt es zurück. "Ich glaub's nicht." 30 Sekunden später: "Das war noch nicht genug! Knallen muss es!" Die Tüte ist leer, der Schweiß tropft.

Mein Telefon klingelt. Oh, schon zwei verpasste Anrufe. Weiß N. nicht, dass ich noch in Amsterdam bin? Egal, mal zurückrufen, vielleicht ist es was wichtiges. "Hallo... ich habe schlechte Nachrichten... O. ist tot."

Scheiße.

Tuschinski - Amsterdam

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