5/22/2012

Dokumentation: Anton Corbijn - Inside Out.

Ein unauffälliger Mann sitzt im Zug. Er hat einem Termin. In seinem Hotelzimmer packt er einen Laptop und ein Buch aus. Er telefoniert, wartet auf jemanden. Der Mann sitzt im Taxi und läßt sich durch die Straßen Londons fahren, auf der Suche nach einer irisch aussehenden Mauer. Wenig später wird er eine der größten Popbands unseres Planeten davor fotografieren. Keine Assistenten, kein Make-up, kein künstliches Licht. Die Szenerie sieht nicht besonders spektakulär aus. Als er mir das fertige Bild zeigt, bin ich sprachlos. Wie hat er das gemacht? Warum sieht der Mann, was ich nicht sehe?

Der Dokumentarfilm "Anton Corbijn - inside out" zeigt den scheuen Fotografen zum ersten Mal bei der Arbeit. Hautnah kann der Zuschauer dabei sein wie U2, Metallica, Lou Reed, Arcade Fire, Depeche Mode und viele andere zu dem werden, was sie auf Corbijns Bildern sind: Legenden. Larger than life. Der Künstler selbst gibt sich auch in hektischen Situationen ruhig und abwartend. Wie ein Tier, das nur auf den perfekten Schuß lauert. Nie stellt er sein Ego über das der Abzubildenden. Wissend lächelt er, wenn die Musiker ihm sein geniales Werk erklären.

Es ist faszinierend Corbijn zu beobachten. Scheinbar mühelos verwandelt er mit seiner Kamera selbst die alltäglichste Situation in etwas Besonderes. Dabei ist der hohe Wiedererkennungswert seiner Bilder kein Zufall. Der Holländer weiß ganz genau was er will und irgendwie hat er eine magische Art, die Leute zum Mitspielen zu bewegen. Als er auf der Suche nach einer geeigneten Location über seinen inneren Antrieb spricht, merke ich, daß er sich tatsächlich eine sehr kindliche Sichtweise auf die Dinge bewahrt hat.
  
Dennoch wirkt Corbijn gerade im Familienkontext ausgesprochen deplatziert. Die Begegnungen sind von höflicher Distanz geprägt. Der erwachsene Sohn als Zuschauer eines Lebens, das ihm gänzlich fremd ist. Lieber stürzt er sich in seine Arbeit. Rastlos um die Welt. Eine Freundin oder Frau gibt es nicht. Er hat schlicht keine Zeit dafür. Im Wald erzählt er mir von seiner Unfähigkeit, tiefe emotionale Bindungen einzugehen.

Plötzlich wird mir klar, daß Corbijn ein Opfer seiner Kunst ist. Sie beherrscht ihn. Seit er als Jugendlicher mit seiner Kamera nach London ging, reist er einsam von Termin zu Termin. Trifft sich mit Künstlern, bereitet Ausstellungen vor, setzt Bücher zusammen, dreht Filme, kann einfach nichts absagen. Sein Werk, der einzige Ausdruck seiner selbst, hat ihn nach all den Jahren kein Stück näher zu sich gebracht. Er wandelt immer noch durch die Straßen auf die Suche nach einer Welt, die es nur in seiner Vorstellung gibt. Corbijn besitzt die Gabe, diese Welt für uns sichtbar zu machen. Doch im Gegensatz zu den Menschen, die er mit seinen Bildern berührt, bleibt der Künstler emotional verschlossen. Sein massiver Workload scheint ein bewährtes Mittel, um vor sich selbst zu fliehen. Ansatt sich zu finden. 



In der Galerie Camera Work in Berlin läuft noch bis zum 9. Juni die Ausstellung "Anton Corbijn - Inwards and Onwards", die ich im Januar bereits in Stockholm besucht habe. Den Bericht könnt ihr hier lesen.

Außerdem  zeigt die Ausstellung in der Galerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlung Dresden noch bis zum 10. Juni eine Auswahl von Fotografien unter dem Titel "Anton Corbijn. R.E.M. Seen between 1990 - 2010".

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