3/15/2012

Artist: Meet David Small and his stitches.


















Die Liebesgeschichte zwischen mir und psychologisch anspruchsvollen Graphic Novels geht weiter. Der Amerikaner David Small stellte heute Vormittag auf der Buchmesse in Leipzig sein aktuelles Werk "Stitches" vor. Der Comic ist vor kurzem im Carlsen Verlag unter dem Titel "Stiche" auf Deutsch erschienen. Inhaltlich dreht sich alles um die problematische Kindheit des Autors, der übrigens erst über Umwege den Beruf des Illustrators ergriff. 

Small konnte bereits als Kind sehr gut zeichnen, aber machte sich nie viel aus seinem Talent. Erst als ein Freund ihn darauf hinwies, beschloß er Kunst zu studieren. Nach seinem Abschluß arbeitete Small lange Zeit als Kunstlehrer und dachte, er würde diesen Job bis zur Rente machen. Im Zuge von Sparmaßnahmen verlor er in den 80er-Jahren seine Stelle und war darüber zunächst sehr traurig. Small erinnerte sich aber an seine zeichnerische Begabung und begann sich mit 38 einen Ruf als Kinderbuchillustrator aufzubauen. Es dauerte allerdings noch einmal knappe 20 Jahre bis Small das Genre der Graphic Novel für sich entdeckte.

Small schrieb seit langer Zeit seine Träume auf und zeichnete immer wieder kleine Episoden aus seiner Kindheit ohne genau zu wissen, was er damit anfangen sollte. Seine Agenten waren von den Geschichten allerdings so begeistert, daß sie ihn ermutigten einen autobiografischen Roman daraus zu machen. Im Gespräch erzählte Small heute, daß er damals sehr wenig über Comics oder Graphic Novels wußte und daß seine Umsetzung - die von wichtigen Kritikern als innovativ gelobt wurde - nur auf einer Mischung aus Naivität und Ignoranz beruhte.

Die Fragerunde wurde sehr professionell geführt und so erfuhr man viel über kleine Details, die dem ungeübten Auge vielleicht nicht sofort aufgefallen wären. Außerdem bekam ich schnell ein gutes Gefühl dafür, wie dieses Buch zu lesen ist. Small erklärte seinen filmischen Ansatz bei der Perspektivauswahl der Panels, seine Beweggründe für den unterschiedlichen Zeichenstil verschiedener Episoden und warum in seinem Comic so wenig gesprochen wird. Dieses Stilmittel des Nicht-Sprechens ist in Verbdinung mit dem Inhalt eine wundervolle Metapher für die Nicht-Kommunikation in seiner Familie. 

Ein kleiner Einspieler zog die Anwesenden sofort in die Geschichte und brachte mich fast zum Weinen. Ich weiß nicht was es war, aber der Film und das anschließende Gespräch traf mich unvorbereitet mit voller Wucht. Es wurden viele familieninterne Problematiken angesprochen und ich habe mich so in die Geschichte vertieft, daß ich am Ende körperlich total erschöpft war. Das ist für mich auch ein Zeichen für ein gutes Gespräch (obwohl ich hier nur zugehört hatte). Wenn man diverse Sachverhalte im Kopf gut durchgearbeitet hat, spürt man danach im Körper eine wohltuende Erschöpfung.

Nachdem die Präsentation zu Ende war, hatten wir noch die Möglichkeit mit Small privat zu sprechen. Ein tolles Erlebnis! Der Unbeeindruckte ließ sich sein Buch signieren und besprach mit ihm technische Details, die bei der Umsetzung eines so großen Projektes wichtig sind. Mich interessierte eher die emotionale Seite. Man muß dazu wissen, daß Small als Jugendlicher Krebs hatte (was ihm seine Eltern aber verheimlichten) und nach einer vermeintlich harmlosen Operation mit nur noch einem Stimmband im Krankenhaus aufwachte. Stummgeschalten.Ich habe mich gefragt, wie man damit umgehen kann und wie er es geschafft hat, während dieser schwierigen Zeit nicht zu verzweifeln.

"Stitches" ist auch ein Plädoyer für (gute) Psychotherapie. Small hatte das Glück nach einigen Fehlversuchen einen geeigneten Therapeuten zu finden. Es war sehr angenehm ihn darüber sprechen zu hören und ich kann mir vorstellen, daß sich viele Menschen in diesem Buch wiederfinden können. Die Stärke seiner Graphic Novel liegt in der Übersetzung belastenden Zustände in feinfühlige Bilder. Das spürt man auch im persönlichen Gespräch. Small konnte mich lesen wie kaum jemand. Ich wäre eine gute Therapeutin, hat er gesagt und mir zum Abschied die Hand gedrückt.






Die deutsche Ausgabe "Stiche" ist beim Carlsen Verlag für 29,90€ erhältlich.

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