9/20/2011

Review: Craig Thompsons Habibi

7 Jahre harte Arbeit zwischen zwei Buchdeckeln: Habibi

















Craig Thompson ist der Harvey-, Eisner- und Ignatz-Award prämierte Autor und Zeichner der 2003 erschienenen Graphic Novel 'Blankets'. Und Blankets war seinerzeit ein Meilenstein in Sachen Comicbuch, da die stille, introvertierte Autobiographie einer ersten Liebe nicht nur bestechend schön illustriert war, sie war auch noch schmerzlich gut geschrieben. Wäre der Begriff 'Magnum Opus' bisher noch nicht geprägt worden ... Craig Thompsons neuestes Werk 'Habibi' wäre ein guter Grund, das jetzt endlich zu tun, denn es ist 'magnum' ... und 'opus' sowieso. Heute erschien das Buch weltweit und somit auch in Deutschland (hier bei Reprodukt). 

Habibi ist auf vielen Ebenen beeindruckend. Zum einen wäre da das schiere Ausmaß dieses Buches: Sieben Jahre akribische Recherche, Skizzen und Zeichungen (der Beginn dieser Recherchen & Reisen wurde in Thompsons Carnet de Voyage dargestellt) ... 672 Seiten wunderschön illustrierte, umwerfend detaillierte Tusch-Opulenz. Das Buch lässt jedes Bücherregal ächzen und sogar seinen Vorgänger 'Blankets' erblassen ... aber das ist gar nicht der Punkt: was Thompson hier mit Habibi erschaffen hat, ist weit mehr als nur ein umfangreicher Comic. Es ist ... nun, eigentlich ein Meisterwerk. Da, ich hab's gesagt ... schon im zweiten Abatz.

















Von seinem gold-geprägten Cover bis zu den wunderschönen Ornamenten, die durch das gesamte Buch mäandern, scheint Habibi makellos & harmonisch ... ist aber unter dieser Oberfläche scharfkantig bis halsbrecherisch. Ein Widerspruch, der das gesamte Werk durchzieht wie das schwarz auf weiß der Tusche auf Papier. Das liegt zum Teil natürlich an Thompons Zeichenstil. Knapp aber sehr spezifisch, detailliert aber energetisch: jedes Panel wirkt so real, so glaubwürdig, dass man die Gerüche und den Staub eines orientalischen Basars quasi riechen kann. Alles ist in Bewegung, jedes Gesicht zeigt Emotion und alles fühlt sich wie eine reale Welt in sich selbst an: fremd (für mich als Mitteleuropäer zumindest), doch irgendwie sehr sehr vertraut. Genau DAFÜR hat der Autor wochenlang Unmengen an Brushpens, Skizzenblöcken, Reisemeilen & Durchfalltabletten in Nordafrika verbraucht: für das Eintauchen in eine andere Welt ... und eine glaubhafte Übersetzung dessen in Bilder, die in der Lage sind zu zeigen, wie diese Welt wirklich ist: Undurchsichtig, spektakulär, bezaubernd und abstoßend zugleich. Und Thompson gelingt das. Mühelos. Man will dort sein ... aber eigentlich dann doch lieber nicht.

Das Inhaltsverzeichnis allein ist ein Kunstwerk in sich

















Aber Habibi hat weit mehr zu bieten als nur schicke Portraits des Orients: Thompsons Geschichte von Dodola und Zam spielt, wie schon Blankets damals, sehr kreativ mit religiöser Bildsprache und Symbolik und gibt einen Einblick in die Kultur und Menschen dahinter. Und wo in Blankets noch jede Menge Fragezeichen um die Christliche Mythen standen, erschließt Thompson den Koran hier über dessen faszinierende Geschichten ... und über die Leute, die diese Geschichten erzählen. 


Nahaufnahme: Tusche trifft Papier

















Ein weiterer Aspekt, der dies auch aufgreift, ist Thompsons Zurschaustellung (arabischer!) typographischer Fertigkeiten jenseits von Worten (hehe). Es wäre wirklich schwierig hier zu beschreiben, wie er Typographie, Symbolik, Erzählung und Emotion in eine Geschichte epischen Ausmaßes verpackt ... und es wäre ebenso schwer einen weiteren Autoren / Künstler aufzuzeigen, der ähnlich gekonnt mit einer derartig komplexen, aber immer einfühlsamen Bildsprache umzugehen vermag. Neben den herkömmlichen rechteckigen Panels, die die Geschichte erzählen, gibt es immer wieder ganzseitige, reichhaltig inszenierte und mehr oder weniger abstrakte Darstellungen der Geschichte HINTER der Geschichte. Das fängt bei detaillierten Ornamenten, die langsam in typographische Kunstwerke morphen an und endet bei der nahezu surrealistischen Darstellung ganzer Koran Suren. 


Okay, das ist zwar alles ganz toll ABER: kann denn die Story an sich da mithalten?
Kurz gesagt: absolut, ja! Die Geschichte ist ergreifend, andächtig, spannend und hat natürlich auch den ein oder anderen Lacher parat. Thompson arbeitet auch hier wieder mit verschiedenen Zeitebenen und kreiert eine Struktur, die die Erzählform auf eine Ebene mit den Bildern hebt, die sie erzählen. Und dann ist da noch Thompsons kompromisslose Liebe zu seinen Charakteren, die allesamt tiefgründige, komplexe aber immer nachvollziehbare menschliche Wesen sind, zu denen der Leser schnell eine Verbindung aufbauen kann.

All das und mehr macht Habibi zu einer der wichtigsten Graphic Novels heute ... in meinem Bücherregal sowieso, aber auch im Allgemeinen. Thompson verschafft Einblick in eine fremde Welt, die er so bestechend bebildert und beschreibt, dass man glauben könnte, er wäre schon immer ein Teil davon gewesen ... und nicht ein dürrer, weißer Christenjunge aus Michigan. Habibi erzählt seine Geschichte so selbstverständlich und glaubwürdig wie seinerzeit Blankets ... und dieses Werk war autobiographisch, was also im Falle von Habibi so einiges über Thompsons Befähigung als Geschichtenerzähler aussagt.

ab-so-lut lesenswert.

Craig Thompson quintessentials

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