9/23/2011

Innenansichten: Tatort Leipzig.


















Am Freitag habe ich einen Job. Mein erster. Dienstag 17 Uhr ruft der Kunde an und teilt mir die Details mit. Für wieviele Stunden er wieviel zahlt, wo wir uns treffen, was ich mitbringen soll, ob ich wirklich so aussehe wie auf dem Foto. Ich hätte ihn „sehr inspiriert“. Zum Schluß des Gesprächs gibt er mir seine Handy-Nummer. Falls ich noch weitere Fragen habe. Wer unter Drogeneinfluß erscheint wird ohne Bezahlung wieder nach Hause geschickt; steht in der Anzeige. Sozialversicherungsnummer und Studienbescheinigung nicht vergessen. Am Mittwoch werde ich einen weiteren Anruf erhalten.

Um 22.34 Uhr klingelt das Telefon. Diesmal ist eine Frau am Apparat und beschreibt mir, was ich anziehen soll. Nicht zu schick. Man könnte ja was mit zerrissenen Strümpfen ausprobieren. Im Kopf stelle ich mir den Weg zum Treffpunkt vor. Ich überlege, welche Kleider ich noch zur Auswahl mitbringen könnte. Lieber Strapse oder einfach halterlose Strümpfe? Vielleicht noch die Lackhandschuhe. Es regnet. Ich schlafe schlecht in dieser Nacht.

Donnerstagmittag beginne ich mit dem Duschritual. 30 Minuten lang. Möglichst heiß. Duschbad mit Erdbeergeruch. Das teure Shampoo. Frizz Ease von John Frieda. Der passende Conditioner. Meine Haare sollen glänzen. Gesund aussehen. Den Rest meines Körpers bearbeite ich betont aggressiv mit dem Einwegrasierer. In ein Handtuch gehüllt, beginne ich den Nagellack Rimmel Nr. 588 Aqua an meinen Fingern und Manhatten Nr. 76 schwarz an meinen Zehen abzurubbeln. Für den Guten von Chanel hat mein Geld nicht gereicht.

Rouge Noir, den trägt Mia Wallace in „Pulp Fiction“. Die Plateaus von YSL würden besser aussehen als meine abgelatschten Stiefel, aber in ihnen habe ich Halt. Falls ich weglaufen muß. Dazu noch den Pelzmantel der schon von weitem „Nutte“ schreit. Ich gefalle mir.

Als ich die anderen sehe, weiß ich, daß ich nichts zu befürchten habe: schlechte Zähne, geschwollene, weil blutig geschlagene Lippe, Heroin-Augenhöhlen, fettige Haare. Zitterig musternder Blick von unten nach oben. Der Himmel ist grau, wie ihre Haut. Ich sehe gut aus.

Eine vermüllte Gasse. Mir ist kalt. Sein Assistent ist ein unsympathischer Dirigent. Aber ich halte aus, denke an's Geld. Die Frau ist auch dabei, aber sie will mich nur von hinten sehen. Er steht auf den verhuschten Blick, ich nicht. Meine Augen funkeln.

Nach 3 Stunden sind sie mit uns fertig. Nur die eine mit dem kaputten Gesicht, die soll noch bleiben. Hat so etwas wie eine Hauptrolle. Ein Kleinwagen übersäht mit Heavy-Metal-Devotionalien bringt mich weg.

Zu Hause kommt die Angst.
Hoffentlich rufen sie mich morgen an; dann brauche ich wieder einen Job.



























































1 comment:

  1. Liest sich gut. Hoffentlich gibt's bald neue Jobs und Stories.

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