3/08/2011

Klassiker: Mädchen aus Greifswald // Tempeau.



Beim Durchblättern des Buchmesseprogramms fielen mir heute die Veranstaltungen zum Thema "Rechte Gewalt (bei Mädchen)" auf.  Wie ich immer bei Berichterstattungen über sogenannte Mädchengangs feststelle, haben prügelnde Girls häufig etwas Verletzt-Verzweifeltes, irgendwie eine extra Dimension auf der Gewaltskala (oder eine Erweiterung) ... da kam mir plötzlich das Lied "Mädchen aus Greifwald" wieder in den Sinn. 

Tempeau ist eine Band, der ich nie richtig getraut und mich deshalb auch nie mit ihr beschäftigt habe, aber es gab eine Zeit, in der war ich verrückt nach dem Titel.
Textlich bewegt sich Plewka hier auf einem Niveau, das Judith Holofernes z.B. trotz aller Sprachspielerien nie gelungen ist. Direkt und doch vielschichtig. So etwas sollte im Radio laufen und weniger dieser hirnlose Sexkram.



Welten entfernt von den Bürgerhäusern in Greifswald,
liegt die Trabantenstadt aus Beton.
Seltsam und reglos schaut sie dort aus dem Fenster,
es war ihr nicht gegeben davon zu kommen.
Hass und Skin in die Fäuste tätowiert,
aus der Zeit wo sie noch nicht politisch gefestigt war,
hat sie je was anderes ausprobiert,
nun ja!
Sie ist ein Kind nationaler Jugendarbeit,
sie widmet sich den Kindern über die sich sonst keiner freut.
Sie plädiert für Hass und sie steht für Gewalt,
sie wartet vor den Toren, der Schulen in Greifswald.
Es ist nicht ganz einfach sich mit ihr zu unterhalten,
sie stolpert über Sätze, zu gerne die eignen.
Und trotzig hängt sie sich das eiserne Kreuz um,
und verschwindet in der Nachbarswohnung, um Flugblätter zu falten.
Hass und Skin in die Fäuste tätowiert,
aus der Zeit wo sie noch nicht politisch gefestigt war,
hat sie je was anderes ausprobiert,
nun ja!
Sie ist ein Kind nationaler Jugendarbeit,
sie widmet sich den Kindern über die sich sonst keiner freut.
Sie plädiert für Hass und sie steht für Gewalt,
sie wartet vor den Toren, der Schulen in Greifswald.

Der Text löst bei mir sofort Assoziationen mit DDR-Punk-Bands aus. Vielleicht hab ich als Kind zu viel Gerhard Schöne gehört, aber ich steh ziemlich auf ostdeutsche Texte (nicht gerade Puhdys und Karat). Aber vielleicht steh ich auch nur auf mehrdeutige Lyrik. Jedenfalls mußte ich dann gleich wieder in die dritte Art von Punkmusik denken. Es gab amerikanischen Punk, es gab britischen Punk und es gab (mindestens) noch Ost-Punk. Was die Bands damals gemacht haben finde ich faszinierend. Auf  öffentlich-rechtlichen Programmen läuft hin und wieder eine Doku über diesen Teil der DDR-Musik-Szene. "Die anderen Bands" waren aber so vielschichtig in ihrer Selbst- und Fremdwahrnehmung, daß es in 50 Minuten nicht zusammenzufassen ist.

Ich hab dann nach einem Klassiker vom damals gesucht: "Born in the GDR" von Sandow. Das Video ist jedoch "Eigentum von Sony Music Entertainment" und deshalb "in [m]einem Land nicht verfügbar". Google hat nur neue Videos ausgespuckt, d.h. ich hab die Originaltonspur nicht im Netz gefunden und die Suche dann aufgeben. Betrachtet man den Inhalt dessen, was ich gesucht habe, ist das doppelt verrückt. Eine Mauer im Netz verhindert, daß ich (und Leute, die das gar nicht kennen) den Song hören können und der Grund sind die kapitalistischen Interessen einer Plattenfirma, mit der die Band damals nichts zu tun hatte (wer es besser weiß, möge mich berichtigen).
Bei der Suche fiel mir jedenfalls wieder auf, wie schwierig es ist an Infos über alternative Ostmusik zu kommen, besonders wenn man gar nicht weiß, wonach man suchen soll. Irgendwann würde ich gerne mal eine Ausstellung zu dem Thema machen, weil da speziell bei Nicht-Ostlern häufig noch falsche Vorstellungen existieren.

Als kleiner Denkanstoß deshalb hier noch ein Interview mit Kai-Uwe Kohlschmidt (Sänger von Sandow) zum Thema alternative Musik im Osten.


Link: Du bist Geschichte - Projekte - Born in the GDR

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