3/04/2011

Ausstellung: Leipzig. Fotografie seit 1839.























Nachdem mittlerweile feststeht, daß es in diesem Jahr keine Fortsetzung des tollen F/Stop-Festivals geben wird (der Kreuzer berichtete), erfreuen uns die Museen der Stadt aktuell mit einer großen Fotoausstellung, die gleich über mehrere Häuser verteilt wurde.

Wie der Name vermuten lässt, nimmt die Ausstellung  "Leipzig. Fotografie seit 1839" den Besucher mit auf eine Reise durch die Entwicklung des Fotografieverfahrens von dessen Beginn bis in die heutige Zeit. Das Besondere dabei ist, daß fast ausschließlich Exponate gezeigt werden, die von Leipziger Fotografen angefertigt wurden oder die Leipziger Motive abbilden. Man wird also nicht nur mit der Technik vertraut gemacht, sondern erwirbt quasi "im Vorbeigehen" stadtgeschichtliches Wissen.

"Mit dieser Ausstellung ist die außergewöhnliche fotografische Tradition Leipzigs und die Geschichte dieses Mediums in unserer Stadt wiederzuentdecken, zu der natürlich auch die in den Museen, Bibliotheken und Archiven aufbewahrten fotografischen Schätze jeglicher Provenienz und ihre Geschichte gehören. Die Ausstellung weist zugleich auf den hohen Rang heutiger bildlich-fotografischer Medien sowie der Bedeutung des medialen Standorts Leipzig hin."

Zu den drei teilnehmenden Museen gehören das GRASSI Museum für Angewandte Kunst, das Stadtgeschichtliche Museum und das Museum der bildenden Künste.

Am Mittwoch habe ich mir zwei der Stationen angesehen.

Es war mir leider nicht möglich von den Ausstellungsräumen selbst Fotos zu machen, daher wird es heute etwas theoretisch, aber ich hoffe, das erhöht nur den Reiz, die Ausstellung zu besuchen.

GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig

Das Grassi Museum zeigt Arbeiten aus der Zeit von 1839 bis 1917. Um euch ein bißchen mehr Hintergrundwissen als der Flyer bieten zu können, habe ich wieder fleißig Museumstexte abgepinselt. Ein Mann fragte mich dann schmunzeln, ob ich hier gerade das Vorwort für meine Doktorarbeit abschreibe. Hab ich natürlich nicht gemacht, alle Aufzeichnungen sind nur für diesen Blog gedacht. Zitate erkennt ihr bei mir übrigens immer daran, daß sie kursiv gedruckt und eingerückt sind; meist setze ich sogar An- und Ausführungszeichen. Nur damit wir uns verstehen.

Hier nun die Einleitung des Museums:
"Fotografie und die von ihr ausgehende Faszination bilden von den Anfängen bis heute eine untrennbare Einheit. Das an Erfindungen und Entdeckungen reiche 19. Jahrhundert erhob die Fotografie zur populärsten Novität der Epoche. Die Begeisterung über die Möglichkeit, der umgebenden Wirklichkeit nach Belieben ein genaues Abbild entnehmen oder einen bestimmten Augenblick "einfrieren" zu können, ist in verwandelter und modern-aufgeklärter Weise bis in die Gegenwart lebendig geblieben. Geblieben ist auch der Reiz, Fotografien zu "erforschen", Bilder im Bild zu entdecken und der nicht wenigen Fotografien eigentümlichen Rätselhaftigkeit auf die Spur zu kommen. Dieser Ausstellungsteil ist der Fotografie von der Frühzeit bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gewidmet, macht aber auch aufmerksam auf Fotokünstler unserer Tage, die sich im dritten Jahrhundert der Fotografie auf ihre eigene, sehr verschiedene Bildersuche begeben - selbstbewusst, zweifelnd, neugierig."

Von den frühen Daguerreotypien (um 1850 entstanden) geht eine ganz eigene Faszination aus. Da wäre zum einen das Abgebildete: Nicht nur Kleidung und Umgebung der Personen sind interessant, auch die Gesichtsausdrücke wirken häufig seltsam entfremdet und kalt. Ich weiß nicht, was es war, daß die Augen der Menschen auf den Bildern so glasig und leer erscheinen läßt. Bei den Motiven fällt die strikte Geschlechtertrennung auf: Männer die in Grüppchen zusammensitzen und rauchen oder denken; Frauen werden meist nur mit Kindern oder beim Ankleiden gezeigt. Am häufigsten wurden aber Einzelportraits geschossen, die komplett durcharrangiert waren. So wird ein Offizier beispielsweise vor "gemaltem Hintergrund" gezeigt, den ich gar nicht als solchen erkannt hätte und der mich an sehr realistische Fototapete erinnerte.
Das Bild  "Carl Dauthendey als Jäger" zeigt aber auch, daß die ersten Fotoapparate schon in der "freien Wildbahn" und nicht nur im Studio (damals hieß das wohl eher Atelier) eingesetzt wurden.
Desweiteren entsteht durch Material und Präsentation der Eindruck von Exklusivität. Die Bilder sind teilweise sehr klein, aber immer mit hübschen Rahmen phantasievoll verziert. In der Ausstellung werden eigens für Daguerreotypien angefertigte (wohl aus den USA stammende) Etuis aus Leder, Holz, Papier und Samt gezeigt. Ein schnöder digitaler Bilderrahmen präsentiert im Vergleich dazu nur noch die Wegwerfmentalität der heutigen (Plastik-) Gesellschaft.
Auch wenn einige der Daguerreotypien mittlerweile stark verblasst sind, weist ein Großteil der Bilder eine erstaunliche Brillanz auf und nach einiger Zeit fühlt man sich tatsächlich 160 Jahre zurückversetzt.

An dieser Stelle werden die Begriffe Kalotypie (das erste Negativ-Positiv-Verfahren auf Papier) und Ambrotypie (Bildträger aus Glas) eingeführt. Außerdem kann man sich eine galvanoplastische Abformung einer Daguerreotypie und erstaunlich präzise Stahlstiche von Auguste Hüssener ansehen.


Im weiteren Verlauf widmet sich dei Ausstellung dem Wirken von Eduard Wehnert und Bertha Beckmann, einem bedeutenden Fotografenpärchen der Stadt.
"Ihr Zusammentreffen, beider Ansässigwerden und das gemeinsame Arbeiten in Leipzig darf als Höhepunkt der frühen Geschichte des Mediums und einer der Fotogeschichte dieser Stadt betrachtet werden."

Dazu noch ein wenig Theorie:
"Die Frühzeit der Lichtbildnerei basiert im wesentlichen auf den von Louis Jacques Mandé Daguerre (1787 - 1851) entwickelte Unikattechnik der Daguerreotypie, bei dem polierte silberbeschichtete Kupferplatten mit Joddämpfen lichtempfindlich gemacht und belichtet werden. Ein sichtbares positives Bild entsteht unter Einwirkung von Quecksilberdampf, der sich mit dem Silber verbindet.
William Henry Fox Talbot schuf eigenständig Voraussetzungen für das Negativ-Positiv-Verfahren auf Papierbasis."

Von nun an konnte man Bilder beliebig reproduzieren und trotz der Brillanz konnte sich die Daguerreotypie gegen dieses Verfahren nicht durchsetzen. (Ähnlich wie der Siegeszug der digitalen Fotografie später nicht mehr aufzuhalten war.)
Nachteile der Daguerreotypie sind die mechanische und chemische Empfindlichkeit und der das Betrachten erschwerende Spiegeleffekt.

Schön war die Serie "You are looking at a happy man" von Jörn Lies (2009). Es handelt sich dabei um 12 digitale C-Prints, bei denen ich nicht dahinter kam, ob es nun Models der Jetztzeit waren, die in alten Klamotten abgebildet und deren Fotos anschließend manipuliert wurden oder ob alte Fotos abfotografiert oder sonstwie verändert wurden.

Die hinteren Ausstellungsräume widmen sich historischen Aufnahmen. Es sind z.B. Bilder aus dem Ersten Weltkrieg (Soldaten im Schützengraben oder auf einem Bombenflugzeug), vom Hauptbahnhof 1916, vom Augustusplatz zur Einweihung des Völkerschlachtdenkmals 1913 und vom Turnfest im gleichen Jahr zu sehen.

"Leipzig verfügte über einen äußerst dichten Bestand an fotografischen Ateliers", so ist es nicht verwunderlich, daß der Stadtumbau gut dokumentiert wurde.

Damit kommen wir zum stadtgeschichtlichen Aspekt. Mir war weder das (schon lange abgerissene) Römische Haus ein Begriff, noch erkannte ich den Roßplatz in seiner ursprünglichen Form mit dem Hotel de Prusse und dem Café Bauer wieder.
"Die beeindruckenden Bilder des im Bau befindlichen bzw. fertiggestellten Bahnhofs vermitteln das Faszinosum der enormen technischen Entwicklung in dieser Zeit, eine Entwicklung, die auch den Bau von Bombenflugzeugen im Ersten Weltkrieg einschließt. "

Im Museumsshop habe ich dann noch zwei schöne Bücher gesehen, die ich empfehlen möchte:

Olaf Martens "Träume/Welten/Hintergründe"
Fotografie 1984-2004

Besucht bitte seine Homepage, dort gibt es viele außergewöhnliche Bilder zu sehen.

"Design Destinations Worldwide", erschienen im H.F. Ulmann Verlag, auf dessen Homepage findet ihr einen Einblick in den 800-Seiten-Wälzer über dei perfekte Verbindung von Architektur und Design.



Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Hier wird die Geschichte der Fotografie von 1918 bis 1961 beleuchtet. Diesen Teil der Ausstellung habe ich mir aber noch nicht angesehen, daher nur der Teaser:
"Die Fotoschau im Stadtgeschichtlichen Museum umfasst die Zeit vom Ende des Ersten Weltkrieges bis zum Mauerbau. Aufnahmen von Georg Zschäpitz belegen die nur rar überlieferte Bildwelt des Nationalsozialismus. Für das Ende des Zweiten Weltkrieges steht das berühmte Fotos des "Letzten Toten des Zweiten Weltkrieges" des Amerikaners Robert Capa, außerdem Fotografien von Johannes Widmann, der auf erschütternde Weise von den Kriegszerstörungen berichten. Die berührende Schlichtheit, mit welcher der unermüdliche "Reporter des Alltags" Karl Heinz Mai aus seinem Invalidenrollstuhl heraus Menschen und Alltag in der Nachkriegszeit dokumentierte, wird ebenso hervorgehoben wie das wirken der Vertreter der "action fotografie", F. O. Bernstein, W. G. Schröter sowie Roger und Renate Rössig, die für ästhetische Aufbrüche und die frühe DDR-Entwicklung stehen."


Museum der bildenden Künste Leipzig

Der dritte Teil der Reihe widmet sich der Zeit zwischen dem Mauerbau und dem Heute. Schwerpunkt ist natürlich die DDR-Fotografie. Bilder aus dieser Zeit hauen mich immer wieder um. Ich weiß nicht warum, aber die Jugendlichen haben die deprimiertesten Augen, die ich je gesehen habe, selbst wenn sie lachen. Sieht man von der damals modischen Dauerwelle ab, unterscheiden sich die Gesichter eigentlich kaum von denen heutiger Teenager, aber irgendwas ist hinter ihren Augen. Besonders deutlich wird das in der Serie "Jugendwerkhof"  (1982/83) von Christiane Eisler und "Realmode (Disko)" von Uwe Frauendorf.

Bilder, die mir ebenfalls sehr zugesagt haben, waren "Es gab Fisch", "Die Welt ist bunt und schön" (ein Berg Süßigkeiten, es könnten aber auch Pillen sein) und "Die Sonne scheint im Dunkeln" von Annett Stuth. Die Aufnahme "Bunker WB VII" zeigt einen pink erleuchteten Bunker und nimmt diesem so seine Bedrohlichkeit.
Peter Franke fertigte "Maja": Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Malerei und Fotografie.
Einen tollen Effekt hatte die Aufnahme "Baumstück 5" von Ricarda Rogga. Von weitem dachte ich : "Was hängt denn da für ein großer schwarzer Fleck an der Wand?" Doch als ich näher kam, erkannte ich, daß es sich um Äste von einem Baum handelt.
In dem selben Raum ist auch ein Regal mit Büchern aufgestellt. Schaut mal in den Band "Im Mondschein" von Erasmus Schröter, darin erwarten euch stimmungsvolle DDR-Motive. Hat bei mir einen Nerv getroffen.
Genauso die Serie "Bergbau. Die Grube Martin Hoop in Zwickau". Die dreckigen, nackten Arbeiter haben mich angenehm irritiert.


Für alle, die jetzt Lust bekommen haben, sich die Ausstellung anzusehen, noch ein Hinweis: Am kommenden Mittwoch (09.03.) in der Eintritt im MdbK frei und Mittags hat man das Museum fast für sich allein.

Eine kleine Bemerkung am Rande: Ich mag die Ausstellungsräume im MdbK sehr, allerdings empfinde ich das Personal oft als störend. Die "Aufseher" sind entweder zu aufdringlich (für meinen Geschmack) oder quasseln die ganze Zeit in ihre Walkie Talkies, obwohl sie fast nebeneinander stehen...

Die Ausstellung läuft noch bis zum 15. Mai 2011.


Außerdem gibt es in der Stadt noch zwei Partnerausstellungen:

Auslöser. Fotografie-Konzepte in Leipzig
Kunsthalle der Sparkasse, Otto-Schill-Straße 4a, 04109 Leipzig
Di, Do-So 10-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr
Geöffnet bis zum 13. März

Der Leipziger Fotograf Johannes Mühler (1876-1952). Eine Wiederentdeckung
Kamera- und Fotomuseum Leipzig, Gottschalkstr. 9, 04316 Leipzig
Mi, Sa, So 13-17 Uhr
Geöffnet bis 15. Mai

Alle weiteren formalen Informationen findet ihr auf der Seite Leipzig. Fotografie. Bis zum Ende der Ausstellung finden immer wieder Vorträge und Führungen statt, schaut einfach mal in's Programm.

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