11/09/2010

Rückblick: Designers' Open.

















Kreative Entwicklungen, die immer in Bewegung bleiben: Die frischen Ideen der jungen Aussteller auf der Designers' Open dürften einigen mehr als 15 Sekunden Ruhm beschert haben.























In Begleitung des Unbeeindruckten besuchte ich gleich am ersten Ausstellungstag die heiß ersehnte Designmesse.

Schon bevor wir die Ausstellungsräume im Hôtel de Pologne bzw. Kretschmanns Hof betraten, standen wir  mitten in einem Kunstwerk. Im Innehof des alten Hotels hatte der Leipziger Kunstmacher Thomas Wrobel mit dem Team vom Chinabrenner in Koproduktion mit Jo Zarth auf 300qm eine chinesische Garküchenstraße rekonstruiert. Die Täuschung mit fremdsprachigen Straßenschildern, Müll und diversen Nudelhändlern war absolut gelungen: Schlagartig fühlte ich mich an einen anderen Ort versetzt - Reisen leicht gemacht.

































Nachdem wir unsere Bändchen gekauft hatten, nahmen wir uns den DO/Market auf den drei Etagen des Hotels vor. In über 40 Hotelzimmern war dort ein Marktplatz für "den Endkunden und den designorientierten  Einzelhandel" errichtet worden. Was sperrig klingt, entpuppte sich als buntes Überraschungsbonbon aus Interieur-, Mode- und Spieledesign. Die Kreativen waren hungrig auf Kundschaft und sobald man mit den Augen an einem ihrer Objekte hängen blieb, gaben sie ungefragt Auskunft darüber. Einige verpackten ihre Informationen etwas sympathischer als andere, aber insgesamt war die Bereitschaft zur Kommunikation gut fürs Wohlbefinden, denn so wurden die Grenzen zwischen Unbekannten schnell überwunden und alles hatte eher den Charakter eines Happenings, anstatt einer steifen Veranstaltung mit festgefahrenem Anspruch.

Hier nun einige Ausstellungsstücke aus der 1. Etage:

Unter dem Motto "Same Shit. Different Belt." bot Wechselwild Gürtelschnallen zum Auswechseln an. Ich würde so etwas zwar nicht tragen, war aber wieder verblüfft, wie man mit einer so einfachen, witzigen Ideen Geld verdienen kann.
















Angenehme und stromsparende Club- oder Wohnungsbeleuchtung wurde bei Leuchtstoff* gezeigt.























Der Burg Designshop der Burg Giebichenstein war nicht so mein Fall. In Plastikeimern wurden Kreativitäts-Gimmicks präsentiert, bei denen der Name meist besser war als das eigentliche Objekt. Ihr könnt euch gerne mal durch den Webkatalog klicken, ein wenig schmunzeln muß man schon bei einigen Erfindungen, die die Welt nicht braucht, sie aber unterhaltsamer machen.

Meinen ersten Höhepunkt hatte ich am Stand der Anonymen Gestalter. Die räumten jedem Besucher in Anlehnung an Warhols 15 Minutes of Fame mit Hilfe eines selbstgebauten Apparates exakt 15 Sekunden Ruhm ein. Dazu mußte man sich nur mit einem Textmarker auf einem Blatt Papier verewigen. Durch Drücken eines Buzzers wurde das Papier nach oben gezogen und verschwand in der Maschine. Zwei Bilder später tauchte die Zeichnung in einem Bilderrahmen wieder auf, wurde von hinten angestrahlt und bunte Lämpchen  erhellten 15 Sekunden lang das Kunstwerk. Das verschwand nach einiger Zeit im hinteren Teil des Geräts, nur um dann geschreddert zu werden. Wie gewonnen, so zerronnen. Kunst für den Moment. Jeder ist ein Star. Alles ist vergänglich.

Da der Unbeeindruckte in seinem Leben nichts lieber tut, als zu zeichnen, überredete ich ihn, sich der Welt  mitzuteilen. Dem Aktenvernichter kam ich zuvor und habe das Ergebnis fotografisch festgehalten.
















Und ich war der Meinung, er denkt ständig an Katzen... Er wurde dann erstmal getaggt.















Gegenüber der Ruhmesmaschine befand sich die schöne Installation "Home Noise" von Bea Seggering. Fünf 3D-artig wirkende Bilder von Kühlschränken waren schummerig beleuchtet und wurden  von gegenstandstypischen sonoren Brummgeräsuchen begleitet, die "Geborgenheit schaffen".











Um die Ecke konnte man eine weitere Installation Anonymer Gestaltung im Alltag betrachten. Für bessere Sicht hab ichs ein bißchen angeleuchtet. Nicht vergessen: Der Letzte macht das Licht aus.


















Von diesem Durchgang aus gelangten wir in den restaurierten Ballsaal. Dort waren die Bewerber für den Designpreis 2010 des MDR Café Trend ausgestellt (die Beiträge hatte ich im Ankündigungspost für die DO verlinkt). Gewonnen hat das "Swing Bag" - ein schwingender Papierkorb von Jörg Bachmann. Es handelt sich dabei um eine Arbeit im Studiengang Produkt- & Objektgestaltung/Holzgestaltung an der Westsächsischen Hochschule Zwickau Bereich Angewandte Kunst Schneeberg. Von dieser Hochschule habe durch die DO zum ersten Mal gehört und bin begeistert vom Potential der Arbeiten, die von den Studenten vorgestellt wurden. Es scheint, als verberge sich im tiefsten Erzgebirge eine Talentschmiede mit äußerst günstigen Lernbedingungen. Speziell die ungewöhnliche Herangehensweise und der unbekümmerte Umgang mit dem Material gefielen mir sehr gut. Doch davon werde ich im Zusammenhang mit DO/Industry weiter unten noch weitere Bilder zeigen.
Hier erstmal Innenansichten des Hotels:


















Ein Spaghetti-Monster im Ballsaal.























In der zweiten Etage zogen mich die Arbeiten des Porzellanateliers Claudia Biehne & Stefan Passig sofort in ihren Bann. Die Vasen und Lampen hatten etwas Verletzlich-Fragiles, das scheinbar nach Zerstörung verlangte.


















Auf dieser Etage wurde viel Mode gezeigt, davon sprachen mich  leider nur Einzelteile an. Die vorherrschenden Farben waren Schwarz, Grau, Weiß und Rot. Die Schnitte waren mir häufig zu sackartig und "unmodern". Ich kann mir Frauen und Männer vorstellen zu deren Typ und Lebensgefühl die Sachen passen würden; für mich war da einfach zu wenig Experiment. Was mir vom Ansatz her gut gefiel, war ein Label, das  Herrenanzüge auseinandernimmt und die Teile zweckentfremdet wieder zusammensetzt. Sowas habe ich aber in London schon origineller gesehen.

Aus irgendeinem Grund fand ich die "Feldküche" von Ingo Lober ästhetisch sehr ansprechend. Bei dem mehrteiligen Objekt handelt es sich um portable Kochgeräte, die man beim Camping voller Stolz auspacken kann. Leider kann man die Utensilien nicht käuflich erwerben. Hier seht ihr den Prototyp:


















Meine besondere Aufmerksamkeit galt der Sonderausstellung "Tatorte goes Leipzig!" von Design braucht Täter. Im Sinne der Fahndung und Spurensicherung wurde die Grenze zwischen Ausstellungsstück und Betrachter hier immer wieder überschritten. So sah das dann aus:

Wanduhr "Gluck" von Martin Neuhaus.



































"Koffski - Die Tasche für Männer" von Nina Voss.























"Artv's" Medienkunst-Objekt von Marcus Brauch.


















Teile der Buchstabenhocker "A-Z" von Sascha Grewe.








































In der Nähe vom Vogelhaus "ClickClack" von der Hochschule Wismar.


















In der dritten Etage angekommen, bezauberten  uns die Mp3-Verstärker und Möbel von Die Fabrik. Modern und Antik verschmelzen bei Stefan Hölldobler auf elegante Weise.
Nach einigen Spiel- und Schmuckständen erreichten wir dann Schindelhauer Bikes. Eines der geschmeidigen Räder setzte der Unbeeindruckte sofort auf seinen Wunschzettel. Allerdings müßte er sich das Rad wohl in seine Wohnung stellen, denn mit diesem Schmuckstück draußen herumzufahren ist fast nicht praktikabel (spätestens, wenn man es vorm Haus abstellen muß.)



































Bekleidungstechnisch waren noch die Gamaschen (zu denen es auch passende Kragen und Manschetten gab) von Romy Kraft interessant. Gerade jetzt im Winter sind diese Überstrümpfe sehr praktisch und bieten viel Spielraum zum individuellen Experimentieren. Im gleichen Zimmer stellte auch das Label Mydearlove aus. Die Blusen und Kleider hatten einen etwas angestaubten Oma-Touch, wirkten aufgrund der geblümten Stoffe aber einfach nur unheimlich niedlich. 


Bei der DO/Industry in Kretschmanns Hof wandten sich die Aussteller zwar "verstärkt mit Studien, Konzepten und Prototypen an Fachbesucher, Unternehmer und Vertreter der lokalen Wirtschaft", doch war dieser Teil der Veranstaltung auch für mich sehr erhellend.

Als erstes stach mir die Diplomarbeit "Ansichtssache - Eine Kleiderkollektion" von Nancy Kaiser ins Auge. Wie der Titel schon sagt, verbargen die Kleidungsstücke kleine Überraschungen, derer man  erst beim zweiten Hinsehen gewahr wurde. Sowas mag ich total. Kaiser  ist Absolventin der bereits erwähnten Westsächsischen Hochschule Zwickau Fakultät Angewandte Kunst Schneeberg. Bis vor kurzem wußte ich nicht, daß diese Schule existiert und umso überraschter war ich, daß man dort Modedesign studieren kann. Ich habe mich ein wenig über die Schule informiert und das dortige Lehrangebot klingt sehr verlockend. Es gibt zahlreiche Tage der offenen Tür und ich habe mir vorgenommen, spätestens im nächsten Jahr an der Hochschule vorbeizuschauen. Hier ein paar Eindrücke der Kollektion:



































Gleich daneben zeigten Studenten der Burg Giebichenstein am Stand "Ausgespielt!" Einrichtungsgegenstände und Spielzeug. Im Studiengang Spiel- und Lerndesign scheint es sehr frei zuzugehen, in vielen Objekten entdeckte man eine erfrischend kindliche Sorglosigkeit - das machte einfach Spaß!

Auf dem Bild seht ihr links "Phil. Die Ordnerleuchte"  von Anna-Katharina Löhn und Isabelle-Franziska Löhn. Auf der rechten Seite baumelt "Kula. Die Kugellampe" von Eva Felder.
















Darf ich vorstellen: "Roti. Der Rollentsich", ebenfalls von Eva Felder. Wie der Name vermuten läßt, sind all die bunten Stäbe beweglich. Hat mich fasziniert.


















Hach, und dann war da noch "Horst. Der Bücherhorst" von Raja Kristina Köbke. Als ich den erblickte, war das wieder so ein Moment im Leben, wo ich ins Zweifeln kam. Vor etwa drei bis vier Jahren habe ich genau so ein Objekt beschrieben, mit dem gleichen Zweck. Ich frage mich, ob da Ähnlichkeiten in der Sozialisation Schuld sind, wenn sich Menschen etwas Spezielles unabhängig voneinander und doch sehr, sehr ähnlich vorstellen. Ich sagte damals, daß ich gerne eine Wohnung mit sehr hohen Decken hätte und da würde ich dann eine Art Lesestation oben unter die Decke reinbauen. Quasi eine hochgelegene Höhle in der Wohnung. Dorthin könnte ich mich zurückziehen, lesen, allein sein und keiner würde mich finden. Und es müßte irgendwie schwierig sein, hoch zu kommen, so daß ich von Fremden nicht so leicht zu erreichen bin.
All das erfüllt Horst. Er ist hoch. Man kann auf ihm hervorragend Bücher lesen - und: "Er muß erklommen werden" (steht in der Beschreibung). Es führt nämlich keine richtige Leiter nach oben, sondern nur ganz kurze Streben.



































Noch etwas zum Thema Höhe: "Burniture" heißen die Möbel aus verkohltem Holz (oder etwas, was so aussieht) von Mike Neubauer. Passenderweise gibt es dazu Streichhölzer als Promotionartikel. Besonders angetan hatte es mir das hochbeinige Regal, auf das man als durchschnittlichgroßer Mensch nicht draufschauen kann. Man greift blind nach Gegenständen. Oder legt man nur besonders wertvolle Dinge dort oben ab, wo nicht gleich jeder hingreifen kann? Kommentar auf dem Preisschild: "She had to reach up to get her toys." Da deute ich gerne.



































Ich kam am Ende des Tages nicht umhin, alle Aussteller um ihren Job zu beneiden. Früher hatte ich Angst vor dem Zwang jeden Tag kreativ sein zu müssen, mittlerweile begreife ich es als Chance. Die Freiheit kreativ sein zu dürfen. Das will ich auch!


3 comments:

  1. Ohja. Sehr schöner Rückblick. Auffallend viele "natürliche" Materialien. Eine Zeit lang ging ja garnichts ohne Plastik oder Acryl.

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  2. Speziell bei Möbeln und Spielzeug war helles, in organische Formen gebrachtes Holz der große Renner.

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  3. Das ist eine absolut tolle Beschreibung des Spektakels. Man fühlt sich förmlich anwesend.
    Ich bin ein großer Fan von dir und einem Projekt.

    Gruß
    Maren

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