11/05/2010

Gedankenstrom: Die Idee ist gut, aber Leipzig noch nicht bereit.

Heute Morgen hatte ich eine Erscheinung. Im TV lief das aktuelle Video von Arcade Fire und plötzlich ist mir etwas klar geworden, von dem ich zwar schon immer wußte, es zuvor aber nie richtig begreifen konnte:

Wer etwas werden will, muß weg aus Leipzig.


Arcade Fire sind das übliche Beispiel einer Band, die es mit hübschem Indierock speziell in den britischen Charts zu etwas gebracht hat und nun auch bei uns im Radio gespielt wird. Eine umgekehrte Bewegung ist kaum realistisch.

Genauso verhält es sich mit der Mode. Im aktuellen Chique-Magazin ist an einigen Stellen zu lesen, daß die jungen Designer hier zwar ein Auskommen haben, aber der große Modezirkus findet eben doch woanders statt. Seit Jahren wird immer wieder gern vom kreativen Potential der Stadt geschrieben, was sich aber auch in Zukunft nicht richtig entfalten wird. 
Die Impulse und klugen Köpfe sind da, das sieht man an der Pop-Up-Musikmesse, dem F/Stop-Festival oder den Designers' Open. Alles Veranstaltungen, die als kleine Alternativ-Projekte gestartet wurden und sich mittlerweile zu Einzigartigkeiten in Mitteldeutschland entwickelt haben. Als Aushängeschild für die Stadt toll, doch die hier ansässigen Künstler versumpfen weiterhin.

Was fehlt ist eine spannende Fashionszene, die von Experimenten und Vielfalt lebt. Ungewöhnliche Outfits in den Läden und auf den Straßen prägen und charakterisieren ein Stadtbild, welches wiederum Trendsetter anzieht. Das betrifft neben Klamotten leider Künste aller Couleur. Keine Frage, in der Stadt werden ständig neue Ideen geboren, doch statt sie zu unterstützen, klammert man sich lieber an die unsterblichen Überreste von Neo Rauch. Dazu kommt, daß in Leipzig einfach kaum Bewegungen zustande kommen, die auch im Rest der Welt etwas anstoßen.

Beinahe scheint es, als handele es sich dabei um kein spezielles Leipzig-, sondern ein Deutschland-Problem. Mode-, Pop- und Lifestylekultur wird in unserem Land ein viel niedrigerer Stellenwert eingeräumt als beispielsweise in Großbritannien oder Schweden. Wer ernsthaft "in Kunst" machen möchte wird oft belächelt oder danach gefragt, was er "denn eigentlich arbeitet".

Laut Maslowscher Bedürfnispyramide ist Selbstverwirklichung die höchste Entwicklungsstufe, die der Mensch erreichen kann. Leben wir in in einer Gesellschaft, die sich solche "Spielereien" nicht (mehr) leisten kann? Wie sonst ist es zu verstehen, daß der Haushalt der Stadt (aufgrund des schwarz-gelben Haushaltsbegleitgesetzes) im nächsten Jahr die Schließung mehrerer Jugendclubs und Mittelkürzungen von Kultureinrichtungen vorsieht? Das Naturkundemuseum steht kurz vor dem Aus, eine Schließung der Oper für die ersten sechs Monate 2011 war im Gespräch.  Welches Bild wirft das auf die Messestadt, die doch gerne ganz vorne mitmischen will?

Doch trotz oder gerade wegen dieser Mangelerscheinungen bietet Leipzig einen guten Nährboden für andersartige, besondere Ideen. Dazu kommt, daß das Leben hier unglaublich entspannt läuft. Die Stadt ist überschaubar, aber nicht dörflich und es gibt ausreichend Wohnungen verschiedener Standards in allen Preisklassen. Die Menschen sind freundlich und haben noch Träume.

Man kann hier ein Auskommen haben. Aber wer als Künstler Aufsehen erregen und um internationale Anerkennung kämpfen will, hat es hier sehr, sehr schwer.

1 comment:

  1. vielleicht muss auch nur Leipzig weg aus Leipzig. auf jeden fall wird hier ein problem umrissen, was tatsächlich die kulturtreibenden randbezirke zu sozialen randbezirken macht. anderswo wird kreativität gefördert, in Leipzig kann man entweder den weg des geringsten widerstandes gehen und "pop" in allen facetten künstlerischer ausdrucksform betreiben und trotzdem im sande verlaufen, oder aber man kann mitsamt seiner anhängerschar in obskurität versinken und sich dafür auch noch feiern lassen ( nur um trotzdem geistig wie finanziell bankrott zu gehen ). großartige karrieren werden hier und heute nur in sehr seltenen fällen gestartet, obwohl das kreative potential und eine gewisse basis da zu sein scheinen. aber irgendwie ... verebbt hier früher oder später alles im alltag.

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