10/10/2010

Ausstellung: F/Stop 2010. Nackt und im Verborgenen.


















Wie bereits berichtet, nutze ich den letzten Ausstellungstag des F/Stop-Festivals intensiv und schaute mir alle Locations an. Der achtstündige Kunsttrip bot Interessantes, Überraschendes, Bekanntes und zu meiner Freude wenig Belangloses.

Hier erstmal die Zusammenfassung von offizieller Seite:

Mit 6000 Besuchern aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland ist am Sonntag das 4. Internationale Fotografiefestival F/STOP in Leipzig zu Ende gegangen. Allein 2500 Besucher besuchten das Festival am letzten Wochenende. F/STOP konnte damit seine Besucherzahl des letzten Jahres halten. 
61 Künstler aus 15 Ländern, darunter weltweit anerkannte Fotografie-Ikonen, präsentierten im Rahmen der Themenschau „Im Verborgenen: 5pm – 5 am“ und des Wettbewerbs „NACKT. Sehen. Erkennen. Zweifeln.“ ihre Kunstwerke.
Passend dazu verteilte sich die Ausstellung auf vier Ausstellungslocations innerhalb Leipzigs. Auf größte Resonanz stieß die Ausstellung des Schweizer Fotografen Thomas Kern in Kretschmanns Hof mit seinen tiefgründigen Schwarzweißfotografien über die Menschen und ihre Lebensbedingungen auf Haiti, gefolgt von von der Soloshow von Peter Bialobrzeski im Ring-Messehaus, der Hauptausstellung im Tapetenwerk und der Präsentation des Wettbewerbs im Paulaner Palais.

Zusammen mit dem Unbeeindruckten startet ich meinen Rundgang um 11 Uhr in Kretschmanns Hof (Katharinenstraße 17). Das sich gerade im Umbau befindende Gebäude paßte mit seiner äußeren Erscheinung hervorragend zu den Haiti-Bildern von Thomas Kern. Zerstörung auf allen Ebenen. 























Etwas unglücklich war allerdings die Tatsache, daß die Bilder nummeriert waren und man die Beschreibungen auf extra ausgehändigten Blättern nachlesen mußte. Das war umständlich und wurde der stimmungsvollen Aufnahmen nicht gerecht. Außerdem war der unebene Boden für Menschen mit Gehbehinderungen nur schwer zugänglich. Auf so was sollte man bei der Organisation im nächsten Jahr achten.


Nach dieser gelungene Einstimmung suchten wir die Reihe "NACKT. Sehen. Erkennen. Zweifeln."  im Paulaner Palais (Klostergasse 4-5) auf. Im Wettbewerb hatten viele unbekannte Künstler die Möglichkeit ihr Arbeiten neben Werken von Richard Kern zu zeigen.























Aus über 250 Einsendungen wählte die Jury Anfang Juli 18 Gewinner. Hier nun meine Favoriten:
















Die Arbeiten zum Thema Geomarketing  von Johannes Naumann mit dem Titel "Sorry, wrong Profile" erinnerten mich gleich zu Anfang daran, warum ich keine Payback-Karte habe. Die fiktiven Geschichten führten eindrucksvoll vor, wie aus einem harmlosen Analyse-Instrument schnell unangenehme Bespitzelung werden kann.
Ohne Abo eines Wirtschaftsmagazines gibt es dann keinen Kredit und beim  Kauf von zu vielen Putzmitteln gibt es keine Einreise-Erlaubnis für die USA.


















Die Britin Penny Klepuszewska zeigte Bilder aus der Serie "The Seclusion Room: Self Portrait 1". Da kamen bei mir Assoziationen zu Drogenmißbrauch, Schönheitswahn und Vergewaltigung auf, eine Mischung mit der man bei mir immer punkten kann.

















Auf dem nächsten Bild seht ihr rosa Flamingos, aufgenommen von Florian Fischer im brandenburgischen Badeparadies Tropical Islands.























Besonders angetan hatte es mir auch die Serie "Turning" von Isabelle Wenzel. Sie hatte Frauen in möglichst seltsamen Verrenkungen abgelichtet und somit  im besten feministischen Sinn das alltägliche Ästhetikempfinden herausgefordert. Allerdings wurden die Damen nicht absichtlich "häßlich" dargestellt, sondern einfach aus einer unüblichen Perspektive gezeigt. Diese Veränderung des Blickwinkels mag ich.



































Folgendes Foto wirkte so stimmig auf mich, daß ich es gekauft hätte. In meiner Vorstellung hab ich es schon in meinem fiktiven Klamottenladen aufgehängt.



































Ein altbekanntes und immer wieder gern diskutiertes Thema wurde von Joachim Jakob und seiner Serie "Micromégas" aufgegriffen: Körperbehaarung. Seit den 80ern diskutieren vor allem Frauenzeitschriften in regelmäßigen Abständen darüber wieviel erlaubt ist und bei wem. Das Schönheitsdiktat wird immer wieder von Befürwortern des natürlichen Pelzes beim Menschen angegriffen, häufig jedoch mit mäßigem Erfolg. Jakob inszenierte die Problematik witzig und doch vielsagend, indem er alltägliche Szenarien mit kleinen Figuren und Modellautos nachstelle. Als Landschaft diente ihm der menschliche Körper aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Die Präsentation im Raum gefiel mir auch gut. Wann schwirren einem schon mal Körperbehaarungsbilder nicht im, sondern um den Kopf herum?!











Die Fotos von Katrin Trautner unter dem Titel "Morgenliebe" zeigte Rentner in sexuellen Situationen und war für mich schon beinahe überflüssig. Wie der Körper alter Menschen nackt in ungefähr aussieht, weiß jeder der Großeltern hat. Daß Menschen jeden Alters Zärtlichkeiten austauschen und Sex haben, sollte also auch jedem klar sein. Der große Tabu-Bruch kam bei mir nicht an. Als ästhetische Aufnahmen in Ordnung, aber eben nicht der angestrebte Aufreger.
Folgendes Foto gefiel mir jedoch aufgrund seiner Sinnlichkeit:























Berührend auf komplett andere Art waren die Bilder von Meike Fischer, die ihre Großeltern über mehrere Jahre mit der Kamera begleitete. Unter dem Titel "Was übrig bleibt" dokumentierte sie das letzte Lebensjahr des Ehepaares. Der Tod der Mannes wird auf diesem Foto bereits angedeutet:



































Die in Dreierkombinationen angeordneten Bilder von Maria L. Felixmüller eröffneten Zusammenhänge, wo man vorher vielleicht nicht unbedingt welche gesehen hat:



































Eine Anmerkung möchte ich noch zu Fotos von Richard Kern machen: Da hat man tatsächlich gleich gesehen, daß hier ein "Profi" am Werk war, der nun schon sehr viele Jahre in diesem Metier arbeitet. Seine Bildkompositionen sprechen diese durchgestylte amerikanische Sprache. Auch wenn es bei ihm immer so leicht und zufällig aussieht, verfolgt er ein festes Konzept und schafft es so, eine gewisse Spannung in das Foto zu bringen. Als Betrachter schwankt man häufig zwischen lustvollem Voyeur und peinlich berührtem Spanner.
Das Bild "Laura Smokes Pot" hat dem Unbeeindruckten ganz schön zu schaffen gemacht - im positiven Sinn.

Nach diesem sehr emotionalen und inspirierenden Rundgang nahmen wir uns die dritte Location vor: Das Ringmessehaus (Tröndlingring


















Nachdem wir das Dachgeschoß erklommen hatten, standen wir in einem  350 Meter langen Raum mit vielen kleinen Nischen. Früher wurde das Haus vor allem für Ausstellungen der Textil- und  Bekleidungsbranche genutzt. Mit einer Ausstellungsfläche von insgesamt 20 000 Quadratmetern ist es das größte innerstädtische  Messehaus der Welt.
Der Verfall war allgegenwärtig und veranlaßte viele Besucher selbst kreativ zu werden. So wurden kaputte Wände, Rohre, Fenster aber auch simple weiße Flächen fürs eigene Fotoalbum abgelichtet.























In dem einzigartigen Ambiente hatte man die Fotografien den World Press Photo-Preisträgers  Peter Bialbrzeski untergebracht. Mit einer Plattenkamera hatte minutenlang belichtete Aufnahmen von Millionenmetropolen von Shanghai oder Bangkok geschossen. Nicht nur durch die ungewohnten Lichteffekte entstand hier ein Wow-Effekt. Beeindruckend war die Kraft der Natur, die sich auch zwischen den höchsten Wolkenkratzern und Straßen ihren Weg sucht. Großstadt-Dschungel gemischt mit natürlichem Dschungel, sehr vital. Der Titel "Paradise Now" hatte seine Berechtigung.

















Kurz vor 15 Uhr machten wir uns dann mit der Straßenbahn auf den Weg zur Hauptausstellung ins Tapetenwerk (Lützner Straße 91). Die Hauptshow lief unter dem Motto "Im Verborgenen 5 pm - 5 am". Und das stellten sich die Veranstalter darunter vor:
Die Hauptshow [...] dreht sich um das Thema der visuellen menschlichen Existenz. Während der Mensch den Tag bewusst erlebt, dringt in den Abendstunden das Unterbewusstsein als verborgene Ebene des Verstandes durch und steigert die Auseinandersetzung mit Gefühlen sowie inneren und äußeren Konflikten.
Obwohl wir an diesem Tag schon viel gesehen hatten, habe ich meine ganze Aufmerksamkeit nochmal für die letzte Runde aktiviert. Vielleicht war ich schon überreizt, aber am Ende des Tages haben es nur noch wenige Künstler geschafft mich in ihren Bann zu ziehen.

Am längsten und voller Bewunderung verweilte ich vor den Bildern von Nathalie Daoust. Ihre Serie Tokyo Hotel Story hatte es mir natürlich schon aufgrund des Themas angetan. Daoust hatte Prostituierte in sogenannten "Love Hotels", meist im BDSM-Kontext fotografiert. Es gibt nichts drumherum zu reden: Das sah geil aus!  















Ich hab alle Bilder zu einem Großen zusammengesetzt, dann kommt die geballte Sinnesreizung vielleicht sogar noch mehr zum Ausdruck. Höhepunkt waren postkartengroße 3D-Aufnahmen verschiedener Folterkammern. Die machten einigen Besuchern wohl so viel Angst, daß sie die 3D-Brillen gar nicht erst aufsetzen wollten, sondern es lieber beim betrachten der überlagerten Bildchen beließen. Ich bin total begeistert von dieser Form der Fotokunst. Seit einiger Zeit integrieren Modezeitschriften bewegte Editorials in ihre Fotostrecken, aber so gut wie Daoust hat es noch nie auf mich gewirkt. Allein das Wissen darum, wozu diese Räumlichkeiten genutzt werden, steigt einem zu Kopf.

Davon ab möchte ich euch aber noch andere Ausstellungsstücke zeigen, die ich mal unkommentiert lasse.

Kinderbilder abseits von Familienalben-Ästhetik von Eva Bertram:























Aus der Serie "Distance now" von Arija Hyytiäinena:























Partyflitter aus der Serie "Nature Morte" von Astrid Korntheuer:























Collagen von Markus Uhr:













"Murder Weapons" von Simon Menner:











"Proberäume" von Oliver Sieber:












Und war da noch die "Heuecke". Auf den ersten Blick eher lieblos und schlampig zusammengewürfelt lag da eben tatsächlich Heu und als "Magic Sticks" beschriftete Äste rum. Die Bildunterschriften wirken dahingekritzelt, es war hier und da auch mal durchgestrichen worden. Bei näherem Betrachten offenbarte sich dann aber eine intendierte Symmetrie, die so nur in einer Ecke darzustellen war. Schaut euch das Bild mal in groß an und zieht eure eigenen Schlüsse zum Thema Ei, Hühnchen und no future.

















Wie bei jeder Ausstellung habe ich mir auch diesmal einige Notizen gemacht. Auf dem Papier landen Wortgruppen aus Beschreibungstexten, die mir besonders gut gefallen und mir auch ohne Kontext etwas sagen. Namen von Künstlern, die herausstechen, werden natürlich auch festgehalten. Hier der Blick in mein Notizbuch:













Um 17 Uhr waren wir übervoll mit Eindrücken und ich habe zum Abschluß noch die Zuschauerbefragung ausgefüllt.


2 comments:

  1. Ich habe nur die Ausstellung in der Lützener Straße angeschaut, aber wen ich diesen Bericht hier so lese, bedauer ich das gerade eben zu tiefst. Das Ring-Messehaus sieht sehr spannend aus. Naja, nächstes Jahr villeicht

    Paulina

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  2. hey, das ist nett geschrieben. muss ich hier mal anmerken, schicke sache ... vor allem das ringmessehaus interior-pic :D

    der unbeeindruckte himself

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