8/21/2010

Film: Inception oder Sind meine Gedanken frei?

Nachdem ich am Dienstag den Film Inception im Kino gesehen hatte, ging mir auf der Zugfahrt am nächsten Tag ständig der Satz „Wozu nützt das Träumen, wenn man sterben muß um zu erwachen?“ durch den Kopf.

Zwei Nächte später hatte ich einen Alptraum, in dem Züge die Hauptrolle spielten. Für gewöhnlich kann ich mich gut an meine Träume erinnern und irgendwie schien mich die Zugmetapher aus dem Film in Verbindung mit der realen Zugfahrt nicht mehr loszulassen. Das war insofern keine gewöhnliche Zugfahrt, als es auf dem Rückweg eine betriebliche Störung im Bahnhof Apolda gab und der Zug „für unbestimmte Zeit“ mitten auf der Strecke hielt.

Meine Mitmenschen zückten sofort ihre Handys und kündigten bei ihren Liebsten an, daß sie später nach Hause kommen. Einige beschwerten sich bei der Bahn. Es ist schon ein seltsames Gefühl in so einem Transportmittel „gefangen“ zu sein, allerdings tangierte mich die ungewollte Unterbrechung nicht wirklich. Was soll man auch tun? Abwarten war angesagt. Was mich beunruhigte war ein Mann, der offensichtlich nicht abwarten konnte und mitten auf der Strecke aus dem wartenden Zug auf dem Viadukt vor Apolda ausstieg. Obwohl der Lokführer zuvor mehrmals durchgesagt hatte, dass man solche Faxen bleiben lassen soll.
Nun, offensichtlich verirrten sich diese Dinge in der darauffolgenden Nacht in meinen Traum.




The dreams in which I’m dying are the best I’ve ever head. Als der Film zu Ende war, kam mir sofort der Song Mad World von Tears for Fears in den Sinn. Die Version von Gary Jules ist bei mir untrennbar mit Szenen aus Donnie Darko verknüpft, doch die Sache mit dem Sterben paßt eben auch hervorragend auf Inception.

Die großen Themen des Films - Träume, Unterbewußtsein, Tod, Illusion, echte Inspiration - werfen herrlich viele Fragen auf, mit denen man sich immer Mal wieder beschäftigt. Aber zumindest ich komme da nie zu einem endgültigen Ergebnis. Warum träumen wir? Was bedeuten die Trauminhalte? Verarbeitet man nur auf seltsame Weise das Tagesgeschehen? Was träumen die anderen? Wie sehen ihre Traumwelten aus und warum sehen meine eben so? Ich träume z.B. immer bunt bzw. kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt in schwarz-weiß geträumt habe. Die Umgebung, in der sich die Geschichten abspielen, sind leider meist erschreckend banal.

Das ist es auch, was mich bei Inception ein wenig gestört hat: Warum haben die Figuren nicht von abgefahreneren Settings geträumt oder solche zusammengebaut? Wenn ich meine Träume steuere, will ich doch etwas Neues erleben. Etwas, daß in der Wirklichkeit nicht funktioniert. Nur so wird für mich der Anreiz geschaffen, in dieser Phantasiewelt verbleiben zu wollen. Eben wie es bei Mal der Fall war. Marion Cotillard hat übrigens sehr heftig gespielt. Selbst in sanften Szenen hat sie immer einen vorwurfsvollen, erdrückenden und besitzergreifenden Eindruck auf mich gemacht. Ihre Augen scheinen immer böse zu gucken.

Ich fand es körperlich schon beinahe schmerzhaft, daß in der Traumwelt von Mal und Dom scheinbar keine anderen Menschen existiert haben. Das wäre für mich die totale Katastrophe. Erstaunlich, daß die beiden nicht wegen fehlenden Inputs durchgedreht sind. Jeder LSD-Trip erscheint mir da interessanter. Dieses zwanghafte aufeinander fixiert sein und unbedingte zusammen alt werden wollen empfand ich als einengend und überhaupt nicht romantisch.

Schwach war auch Doms Motiv sich auf die Sache mit der Inception einzulassen: Er wollte seine Kinder wiedersehen?! Nichts gegen seine Vaterinstinkte, aber hätte man die Kleinen nicht nach Paris bringen können?
Zu diesem Punkt merkte Birgit Roschy auf Stern.de bereits richtig: "Die vielen Wow-Effekte verdecken fast, wie dürftig das Antriebsmotiv dieses zweieinhalbstündigen Blendwerks ist - es sei denn, man nähme die ganze Geschichte als Alptraum. Und das ist dann doch recht banal für so viel Einsatz." Tja, trouble with dreams is you never know, when to hold on and when to let go.



Das faszinierende an dem Film ist die Tatsache, daß Nolan damit die Idee von Inception und Extraction in die Köpfe von Millionen von Menschen gepflanzt hat - und die haben dafür an der Kinokasse sogar gezahlt.
Dabei ist der Mechanismus von Inception doch ein Vorgang, der sich täglich abspielt. Ständig sind wir Einflüssen ausgesetzt, die in uns Gedanken wachsen lassen und unser Begehren nach bestimmten Dingen und Erlebnissen wecken. Der Begriff Inspiration fiel immer wieder. Ein eigener Gedanke, der plötzlich da ist und nicht durch zuvor Gesehenes/Gehörtes entstand. Aber vielleicht bringt der Moment der Inspiration nur Bekanntes auf einem neuen Level zusammen?

Der ganze Aufwand, der im Film nötig war, um jemandem eine Idee in den Kopf zu pflanzen, ist nicht zwingend. Es geht auch anders. Dom macht es selbst vor als er zu Saito sagt: „Denken sie nicht an einen Elefanten. Woran denken sie?“ Saito denkt selbstverständlich an einen Elefanten. Psychologie-Studenten sollte das Spielchen bekannt sein. Wir können nicht nicht an etwas denken. Man muß eine Sache nur beiläufig erwähnen, schon werden Zweifel gesäht und im Hirn des Betroffenen beginnt es zu rattern. „Meine Freundin hat fremdgeknutscht... das glaub ich nicht“, auch wenn der Typ, der solchen Schwachsinn erzählt, als „Lügner“ abgestempelt wird: Der Gedanke wurde gestreut und versucht sich festzubeißen. Fehlen nur noch ein paar fingierte SMS, E-Mails oder andere Liebesbeweise und der Fall ist klar: Meine Freundin hat mich betrogen. Solche manipulativen Spielchen gibt es bei GZSZ immer wieder mehr oder weniger überzeugend zu sehen. Menschen sind leicht zu irritieren.

Einige mißtrauen prinzipiell Werbung und „den Großen da oben“, dabei sind wir auch in unserem privaten Umfeld den Gedankeneinpflanzungen ausgesetzt. Klar, man muß differenzieren zwischen Komprisse schließen und von Argumenten überzeugt werden, aber nicht umsonst heißt es in der Arbeitswelt oft „Du mußt dem Chef Deine Idee nur so verkaufen, dass er denkt, es sei seine eigene.“

Ich sehe da auch Parallelen zur Psychotherapie. Dort soll dem Betroffenen geholfen werden irrationale Überzeugungen aufzugeben und das erreicht man mittels Gesprächsführung eben damit, dass der Therapeut dem Klienten zu neuen „gesunden“ Überzeugungen verhilft. In gewisser Weise werden da auch fremde Gedanken eingesetzt.
Aber wo zieht man die Grenze zwischen selbst- und fremdinduziert?

Für einen kurzen Moment hatte ich mir dann noch Sorgen gemacht, da ich die Angewohnheit habe, in Flugzeugen sofort einzuschlafen. Aber dann fiel mir ein, daß in meinem Kopf glückerweise nur ein Haufen Special-Interest-Infos herumschwirren und daß die alles außer wichtig für Wirtschaftsinteressen oder den Rest der Menschheit sind.


Ich wünsche noch atemberaubende Träume, denn dreams are my reality, the only kind of real fantasy.

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